Die Professur für "Illustration und Zeichnerische Darstellungstechniken" an der Muthesius Kunsthochschule befindet sich im Umbruch. Sie wird zum Wintersemester 2010/2011 neu besetzt als Professur für "Visuelle Grundlagen und grafische Bildgestaltung". Mit dem neuen Profil kann die Stelle weiterhin zu einem eigenständigen BA-Abschluss führen, eigene MA-Abschlüsse sind nicht vorgesehen. MA-Thesisprojekte der anderen Schwerpunkte (bislang Fotografie und Typografie) können und sollen begleitet werden. Das Angebot an Lehrveranstaltungen des Sommersemesters 2010 dient als Überleitung und enthält bereits Elemente der neuen Ausrichtung.
Zeichnen ist eine komplexe Notation. Wer zeichnet, dokumentiert: Die Zeit, die währenddessen verstreicht. Die Emotionen, die den Zeichnenden erfüllen. Den körperlichen Zustand des Zeichnenden. Das Nachdenken über den Gegenstand, der gezeichnet wird. Den Gegenstand, seine äussere Form und seine innere Verfasstheit. Die Beziehung des Zeichnenden zum Gegenstand. Die Ansprüche und Erwartungen des Zeichnenden an das Publikum.
Neben der Sprache ist das Zeichnen ein grundlegendes Werkzeug der künstlerischen Selbstverständigung in den Arbeitsfeldern des Kommunikationsdesigns. Wer zeichnet, muss innehalten und das Entstandene reflektieren. Das Zeichnen mit der Feder ist hierfür ein schönes Beispiel: Nach einigen Sekunden ist die Feder leergezeichnet und hebt sich vom Blatt, der Blick geht zum Glas mit der Tusche, die Feder wird neu gefüllt, der Blick geht zurück zum Papier und sucht sich einen neuen Ansatzpunkt, von dem aus weiter gezeichnet wird. Auch wenn es sich nur um Augenblicke handelt, fallen hier Entscheidungen über die Vervollständigung der Form.
Um zeichnen zu können, müssen wir also sehen können. Wir müssen uns der Grundlagen unserer Wahrnehmung bewusst werden, wir müssen unsere Wahrnehmung schulen und schärfen, und genau das geschieht in der reflektierenden zeichnerischen Praxis, also in einer dialektischen Bezogenheit von grafischer Gestaltung und sprachlicher Analyse. Zudem soll im Lehrgebiet "Visuelle Grundlagen und grafische Bildgestaltung" das Zeichnen und seine Analyse mit den anderen Lehrgebieten des Kommunikationsdesigns zusammen gedacht werden.
Eine Illustration soll ein Licht auf ihren Gegenstand werfen, sie soll ihn zum leuchten bringen, damit sein Wesen besser erkannt werden kann. Eine Illustration entfaltet ihre Wirkung in einem Kontext, der enger gefasst ist als der einer freien Zeichnung. Das Thema will bedacht sein, aber auch die Form der Publikation spielt eine entscheidende Rolle. Was unterscheidet eine Illustration in einer Tageszeitung von einer Illustration, die in einem Kinderbuch veröffentlicht wird? Was eine Illustration in digitalen Medien von einer auf einem Plakat am Strassenrand? Hier wird die Verknüpfung der grafischen Bildgestaltung mit den anderen Lehrgebieten im KoDe ebenfalls zentral: die Strategien der Bilder nutzenden Medien sind verschiedene, und im Lehrgebiet "Visuelle Grundlagen und grafische Bildgestaltung" werden solche Strategien am Beispiel der Illustration analysiert und erprobt.
Die in den Grundlagenkursen erworbenen Kenntnisse der digitalen Bildbearbeitung sollen in praxisnahen Aufgabenstellungen vetieft und erprobt werden. In der Regel bedeutet das, eigene kleine Publikationen mit den im Semester entstandenen Arbeiten zu erstellen. Dazu gehört ein Wissen um die Qualitätsanforderungen der verschiednen Drucktechniken (Offset, Digitaldruck, Siebdruck etc.), zunächst das fachgerechnete Scannen der Vorlagen, die Nachbearbeitung in Photoshop und schliesslich ein Layout in Indesign.
Ziel des Lehrgebietes ist es, neue Arbeitsfelder zu erforschen, kreatives Denken und technische Fähigkeiten zu schulen, eine persönliche, grafische Ausdrucksform finden zu helfen und zu erörtern, wie intellektuelle und emotionale Inhalte mit dem Mittel der grafischen Bildgestaltung kommuniziert werden können.
Markus Huber, Vertretungsprofessor
Dann liegt die Zeichnung da, zunächst vor dem Zeichner, später vor anderen, und es beginnt eine Erkundung, ob sich das Gezeichnete mit dem Gegeben deckt, ob der Zeichnende eine Beziehung zum Gegenstand entwickelt hat, die sich mit der des Betrachters (der auch der Zeichner selber sein kann) deckt. Ob also die Zeichnung über die Möglichkeiten der Durchdringung hinausgeht, die dem Betrachter zur Verfügung stehen, oder dahinter zurückbleibt.
Eine Illustration soll ein Licht auf ihren Gegenstand werfen, sie soll ihn zum Leuchten bringen, damit sein Wesen besser erkannt werden kann. Das ist manchmal schwierig, wenn der Gegenstand von solch inhaltlicher Stumpfheit ist, dass er partout nicht funkeln will. "Herr Huber, können Sie uns bis morgen früh diesen Artikel zum Thema XXX illustrieren? Wir dachten da an etwas Lustiges." In solchen Fällen kann die Illustration sich helfen, indem sie über den gegebenen inhaltlichen Kontext hinausgeht und von ihren bildnerischen Qualitäten her lebt.
Illustration bedeutet, Bilder in einem Kontext zu denken. Ein Bild, das in einem Printmedium einen redaktionellen Beitrag illustriert, kann in einem Rahmen an der Wand einer Galerie eine erweiterte Bedeutung erlangen. Wie weitgehend diese Bedeutung sich vom ursprünglichen Kontext emanzipieren kann, hängt vom Gehalt der dem Bild eingearbeiteten inhaltlichen und formalen Elemente ab.
Um zeichnen zu können, müssen wir sehen können, müssen wir uns der Grundlagen unserer Wahrnehmung bewusst werden, und genau das geschieht in der reflektierenden zeichnerischen Praxis, also in einer dialektischen Bezogenheit von grafischer Gestaltung und sprachlicher Analyse.
Dieser Prozess sollte während des Studiums in Gang gebracht werden, er endet nie, er ermöglicht uns ein wunderbares paradoxes Erlebnis, nämlich uns planvoll selbst überraschen zu können. Im Idealfall entsteht durch oder im Zusammenspiel mit einer solchen künstlerischen Praxis eine Haltung, die dann als Stil nach aussen erkennbar wird.