DESIGN / KOMMUNIKATIONSDESIGN / ILLUSTRATION UND ZEICHNERISCHE DARSTELLUNG
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Illustration und zeichnerische Darstellungstechniken

Am Anfang steht ein leeres Blatt Papier. Eine einzige gezeichnete Linie kann einen spontanen Gedanken unmittelbar sichtbar machen. Sie bedarf keiner weiteren Umsetzung. Eine weiße Fläche bekommt einen Zusammenhang, eine zeitliche Dimension, eine Geschichte, die die Persönlichkeit des Künstlers reflektiert. Hände, Arme, der ganze Körper ist ausführendes Organ der Phantasie. Körper und Geist kommunizieren miteinander und hinterlassen dabei Spuren. Zeichnen und Malen ist mit den Händen sprechen. Jose Ortega y Gasset verglich die Arbeitsfläche mit einem Fenster, durch das man hindurchsieht und nach und nach die Gewächse im dahinter liegenden Garten erspäht. Monet malte die Pflanzen in seinem eigenen Garten; Ian Hamilton Finlay gestaltete seinen Garten nach gemalten Bildern. Zeichnen ist sehen und wahrnehmen, ist reflektieren und empfinden, ist dokumentieren und kommunizieren. Wie und was wir sehen ist subjektiv. Eine Zeichnung stellt nicht den Anspruch an Objektivität. Es gibt kein "richtig" oder "falsch". Entscheidend ist, was wir uns vorstellen, was wir erfinden. Das Gesehene wird zum Gefühlten, zum Erträumten und findet seinen Weg auf das Papier. Die Grenze zwischen innen und außen verschwimmt. Außen wird innen, indem wir die Außenwelt zeichnen, sie uns einverleiben. Indem wir zeichnen, wird unsere Innenwelt zur Außenwelt. Illustrationen beschreiben, wer wir sind, wie wir die Welt um uns herum verstehen und wie wir uns in ihr bewegen.

Bildnerische Darstellungen gehören zu den ältesten Ausdrucksformen der Menschheit. Durch die Jahrhunderte hindurch gaben sie uns zu verstehen, wie unsere Vorfahren lebten. Durch die Betrachtung der dargestellten Umgebungen, Gegenstände und Menschen, deren Gesichter und Gesten, können wir deren Erlebnisse emotional nachvollziehen.
Der Beruf des Illustrators in der westlichen Kultur wurde, bedingt durch den gesellschaftlichen und technologischen Wandel, durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder neu definiert: im Mittelalter vermittelten Illustrationen Inhalte biblischer Zusammenhänge für das des Lesens unkundige Volk. Die revolutionäre Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern für eine stetig wachsende und wissende Leserschaft und die Verwendung von Holzdrucken und Kupferstichen bot Illustratoren die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu veröffentlichen und vervielfältigen. Im Spätmittelalter kamen illustrierte Flugblätter in Umlauf, deren boulevardeske Inhalte sich mit Sensationen und Wundern befassten oder katechetische Unterweisungen predigten. In der Reformationszeit wuchs der Bedarf an Illustrationen durch die Verbreitung von politischen Flugblättern als Hilfe zur Auseinandersetzung im Glaubens- und Bauernkrieg.
Ende des 18. Jahrhunderts vermochte die Lithografie erstmalig die originale Bleistiftzeichnung eines Illustrators in Graustufen, ohne vorherige Übertragung in schwarze Linien und Schraffuren durch einen weiteren Künstler, zu vervielfältigen, was den Zeichnungen Spontaneität verlieh und dem Illustrator große künstlerische Freiheit und Autorität verschaffte.
Während die Verbreitung von Zeitschriften und Zeitungen Mitte des 19. Jahrhunderts das ‚Goldene Zeitalter der Illustration’ in Amerika gebar, sorgten in Europa Strömungen wie die Prä-Raphaeliten, später der Jugendstil und Les Nabis für neue, revolutionäre Ausdrucksmöglichkeiten. Humoristische Magazine in Europa und den USA wie "Puck", "Judge", "Simplicissimus" und "L'Assiette au Beurre" kommentierten die politischen Geschehnisse in Form von Karikaturen. Gleichzeitig arbeiteten Zeichner als visuelle Journalisten vor Ort, denn Kameras wurden dem rasanten Tempo der Industrialisierung mit ihren schnellen Bewegungen noch nicht gerecht.
Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichten amerikanische Zeitungen Comicfolgestrips, um für eine breitere Leserschaft zu werben. Illustratoren wurden zu Autoren ihrer eigenen Bilderwelten. Winsor McKay verwandelte "Little Nemo" in bewegte Bilder; kurz darauf zeigte sich Mickey Mouse zum ersten Mal auf der Leinwand. Die Gründung von Magazinen wie dem "New Yorker Magazine" schuf in den 20er Jahren eine neue, einzigartige Plattform für Illustratoren, Karikaturisten und Cartoonisten, formte ein gesellschaftliches Bewusstsein für Illustration und verlieh dem Beruf des Zeichners Ruhm und Ehre.
Das rasante Tempo des 20. Jahrhunderts sorgte für einen ebenso schnellen, stilistischen Wandel im Bereich der Illustration: der Einfluss des russischen Konstruktivismus in den 20er Jahren; eine weniger abstrakt-geometrische, poetischere Herangehensweise in den 50er, 60er und 70er Jahren durch Pioniere wie Saul Steinberg, Tomi Ungerer, Maurice Sendak, Ben Shawn, Seymour Chwast und Heinz Edelmann; emanzipatorische Comics von Marie Marcks und Claire Bretecher und politisch-satirische Illustrationen der Neuen Frankfurter Schule und des Satiremagazins "Titanic"; Undergroundcomics und deren Anti-Helden in den Jahren des Punk Rock, in denen Künstler wie Gary Panter, Mark Marek, Sue Coe und Art Spiegelman durch ihre eher unfertig wirkenden Zeichnungen bewiesen, dass eine innovative Interpretation wichtiger ist als die Beherrschung einer perfektionierten Technik; und schließlich in der Jetztzeit neu entstandene Ausdrucksformen durch die Entwicklung des Computers und das Erscheinen von flash-basierten Animationen im Internet, und im Gegenzug dazu collagierte und handgezeichnete Illustrationen, in denen der Arbeitsprozess selbst im Mittelpunkt steht, wie bei den Büchern von Wolf Erlbruch, Anke Feuchtenberger, Henrik Drescher oder Sara Fanelli.

Dem Illustrator von heute steht eine grenzenlose Vielfalt visuellen Vokabulars zur Verfügung. Umso dringlicher ist es, den Begriff der Illustration heute neu zu definieren und zu erweitern. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, der Inhalt. Ein Bildermacher muss sich heute als Autor, nicht als Zuarbeiter verstehen: als Autor seiner eigenen Bilderbücher, Kinderbücher, Comics, Graphic Novels, als Designer seiner interaktiven Illustrationsprojekte, Toys, Computerspiele, Textilien, Produkte, Rauminstallationen, als Regisseur seiner Animationsfilme -– als Künstler und Erfinder mit dem Ziel, ein persönliches Werk zu schaffen.
Ziel des Lehrgebietes Illustration an der Muthesius Kunsthochschule ist es, diese neuen Arbeitsfelder zu erforschen, kreatives Denken und technische Fähigkeiten zu schulen, eine persönliche, grafische Ausdrucksform finden zu helfen und zu erörtern, wie intellektuelle und emotionale Inhalte illustrativ kommuniziert werden können.

Text: Prof.in Nora Krug (New York)
Vertr. Professor :Martin tom Dieck

Jetzt neu:

Illusion Tart 1 VIREN
Lehrgebiet Illustration legt Publikation vor !

Aus dem Vorwort:

"Das Bedürfnis, in Bildern, mit Zeichnungen zu erzählen, ist ein ursprüngliches. Eine eher junge Erscheinung ist, wie sich dieses Bedürfnis an Kunsthochschulen verbreitet. Dort treffen affine Dozierende auf ebensolche Studierenden, oder umgekehrt, aber zunehmend, und auch an der Muthesius Kunsthochschule. Auch jung ist deren Professur für Illustration.
Seit sie 2005 zum ersten Mal besetzt wurde, wird sie von einem Lehrauftrag begleitet, der sich insbesondere der narrativen Illustration widmet. Und wie virulent das bilderzählende Bedürfnis ist, zeigte sich, als wir die Teilnahme an einem Comic-Wettbewerb des Fumetto-Festivals zur Aufgabe machten. Das Thema Virus realisiert sich nun nicht nur metaphorisch, wie in vielen der Beiträge, sondern auch physisch. Grosses Engagement mit reichem Ertrag rief danach, die hausinternen Druckmaschinen anwerfen zu lassen, um eine eigene Publikation in die Welt zu setzen. So sei dies die erste Ausgabe von „Illusion Tart“!" Martin tom Dieck.
Kiel 2009. 80 S., dt./ engl., ISBN 978-3-9812475-1-0.
12 (6) Euro. Einband: Original-Siebdruck!Illusion Tart 1