RAUMSTRATEGIEN / SYMPOSION: ERLEBBARE RäUME
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Erlebbare Räume

Erlebbare Räume

Symposion der Muthesius Kunsthochschule vom 19. – 22.11.
in der Kunsthalle zu Kiel

Eine Veranstaltung des Zentrums für Theorie. Konzipiert von Ludwig Fromm und Petra Maria Meyer.




Donnerstag, 19.11.09

Begrüßung und Einführung in die Thematik des Symposions

16:00 Erlebbare Räume. Das Raumwissen der Künste
Wir leben heute in einer „Epoche des Raumes“ (Foucault), der durch plurimediale Inszenierungsstrategien  in audio-visuellen Prozessen generiert und entsprechend dynamisch wandelbar erfahren wird. Ein besonderes Erfahrungswissen kommt in diesem Zusammenhang den Raumstrategen zu, die Alltags- und Kunsträume schaffen. Allzu selten wird dieses Wissen jedoch theoretisch fundiert.
Die Zusammenkunft zielt darauf, die Frage nach der Theorie in direkter Wechselwirkung mit der Praxis zu stellen. Der Raum „(...) als Ort, mit dem man etwas macht“ (Michel de Certeau) soll hinsichtlich seiner theoretischen Konzepte befragt werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einem „erlebbaren Raum“ im Unterschied zum „geometrischen Raum“. Dieser ist hinsichtlich seiner vielfältigen auch medientechnisch durchformten Erscheinungsformen zu befragen. Das Situative, Atmosphärische, aber auch Dynamische erlebbarer Räume wird dabei zentral. Durch bewegliche Elemente und wechselnde Funktionsbeziehungen erzeugte Räume lassen alte Substanzvorstellungen von Raum obsolet erscheinen und bedingen prozessuale oder performative Konzepte, die es interdisziplinär zu reflektieren gilt.
Prof. Dr. Ludwig Fromm, Architekt und Raumtheoretiker. Seit 1993 Professor an der Muthesius Kunsthochschule Kiel, seit 2005 im Bereich Raumstrategien/Lehrgebiet Raum, Ensemble, Wirkung. Von 1999-2005 Rektor der Muthesius-Hochschule, 2005-2006 Gründungsrektor der Muthesius Kunsthochschule. Mitglied im Beirat für Stadtgestaltung der Stadt Kiel, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseums Molfsee und Programmratsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein-anders lernen e.V.
Prof. Dr. Petra Maria Meyer, Philosophin sowie Theater- und Medienwissenschaftlerin, nach Vertretungsprofessuren an der Universität zu Köln und an der Johannes Gutenberg Universität, Mainz seit 2004 Professorin für Kultur- und Medienwissenschaften, von 2004 – 2008 Intendantin des „Center for Interdisciplinary Studies“ (Forum) der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Dissertation in Philosophie zur „Stimme und ihrer Schrift“ bezogen auf Akustische Kunst. Habilitation in Theaterwissenschaft mit medienwissenschaftlicher Ausrichtung zur „Intermedialität des Theaters“. Forschungsschwerpunkte: Intermedialität, Medienphilosophie, Ästhetik, „Semiotik der Überraschung“, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Akustische Kunst, Gegenwartstanz- und theater, Szenographie.
 
16:30 Räumen  
In den letzten 25 Jahren hat sich die Auseinandersetzung mit dem Raum innerhalb der skulpturalen Arbeit verändert. Die  Auffassung einer Plastik oder Skulptur, die autonom zu sehen war, ist der raumrelationalen künstlerischen Arbeit, der Installation oder  dem Raumkonzept gewichen.
Nach einem dem Figurativen verpflichteten Studium, hat sich meine eigene künstlerische Sprache - in der Begegnung mit der Konzeptkunst der 70er und deren Denkraum - formuliert. Fast  immer ist  der Raum selbst- nie die Theorie über den Raum-  Ausgangsort für die Skulptur .
"Räumen" spielt auf den Anfang jedes  Beginnens an: an exemplarischen Beispielen werden  Raumkonzeptionen  und  Arbeiten von Studierenden der Klasse vorgestellt. Räumen ist die Praxis: Freimachen von Vorstellungen, sich einlassen, mit  Mitteln und Kräften, in das Experimentierfeld von Kunst.
Prof. Elisabeth Wagner, renommierte Künstlerin. Nach einer Professur für Grundlehre seit 2004 Professorin für Bildhauerei (Skulptur / Installation / Raumkonzept) an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen, Stipendien (u.a. Karl Schmidt-Rottluff-Stipendium, Stipendium der Kunststiftung Baden Württemberg, Arbeitsstipendium des Kunstfonds e.v. Bonn oder Stipendium der Stadt Bremerhaven) und Auszeichnungen (u.a. Förderpreis des BDI sowie ein mit Preis ausgezeichneter Entwurf KwB Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Berlin). Wagners Arbeiten im öffentlichen Raum sind u.a. in Weingarten, Karlsruhe, Meersburg, Tübingen, Calw, Freiburg oder Ulm zu sehen. Seit 2007 ist sie Mitglied im Sachverständigenkreis Kunst am Bau beim BMVBS. www.elisabethwagner.de

18:00 Kaffeepause

Eröffnungsvortrag

18:30 Der Raum des  Gedichts
Der Vortrag beleuchtet das Tagungsthema von einer klassischen Debatte her, in der das Verhältnis der Künste zu Raum thematisiert wurde: ut pictura poiesis. Von daher stellt er sich der Herausforderung, auch im sprachlichen Kunstwerk das Räumliche auszumachen. Es zeigt sich, dass in der Lyrik ein Raum eigener  Art aufgespannt wird. Ist es der leibliche Raum der Neuen Phänomenologie?
Prof. Dr. Gernot Böhme, Philosoph, Professor für Philosophie an der TU Darmstadt, Sprecher des Graduiertenkollegs Technisierung und Gesellschaft 1997 – 2001. Denkbarpreis für obliques Denken 2003. Ab 2005 Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie (IPPh). Zahlreiche Gastprofessuren, u.a. an der Univ. Linköping/Schweden, der Univ. Rotterdam, der TU Wien 1995, der Univ. of Wisconsin, Madison/Wisc. 1998, der Universität Kyoto/Japan 12/2006-5/2007 oder der University of Pennsylvania, Philadelphia. Forschungsschwerpunkte: Platon und Kant; Theorie der Zeit; Naturphilosophie; Ästhetik; Ethik; Technische Zivilisation; Philosophische Anthropologie; Goethe.

20:00 Umtrunk und Eröffnungs-Event

20:30 Ausstellungs-Konzert: The Partenheimer Project.
Erlebbare Seh- und Hör-Räume von Jürgen Partenheimer und Kevin Volans

„Als ich zum ersten Mal mit Partenheimers Werk in Berührung kam, war ich von der Vertrautheit mit seinen Bildern begeistert. Ich kannte diese Arbeit, irgendwie fühlte ich, dass sie immer dagewesen war. (...)Ich bemerkte, dass – für mich – die größte Bedeutung des Werkes in der Farbe lag, der Abstufung, der Wahl der Materialien, im richtigen Gefühl des Künstlers – was ich umfassend mit der Resonanz der Arbeit beschreiben könnte. Die Arbeiten sind oft klein und ruhig, dennoch füllen sie irgendwie den Raum um sie herum, egal wie groß er ist, mit ihrer Anwesenheit aus. Gerade so wie unhörbare, leise Musik. (..)
Die Ausstellung sollte sich jeweils an jedem Veranstaltungsort über mehrere Räume erstrecken und so beschloss ich, bei der Musik das gleiche zu tun – drei Ensembles, die an drei Orten spielen, wobei jedes von den anderen gehört werden kann. Die Wahl von drei Ensembles spiegelt auch Partenheimers Einsatz verschiedener Medien wider: Arbeiten auf Papier, Bilder und Skulpturen (einschließlich der Gefäße). (...) Ferner beschloss ich, für jedes Ensemble recht unterschiedliche Stücke zu schreiben und nur ein oder zwei Momente zuzulassen, in denen sie zusammenkommen würden. (...)Ich fing damit an, die Musik für ein Ensemble von Anfang bis zum Ende zu schreiben, spaltete sie dann auf und dehnte sie auf 150% ihrer Länge. Dann komponierte ich die Musik der anderen beiden Ensembles darum herum, mit langen Pausen, in denen sie nicht spielten. Auf diese Art versuchte ich nicht nur zu vermeiden den Raum mit Klang zu füllen, sondern auch die Zuhörer von einem Ort zu einem anderen zu locken – sie zum Herumwandern in den Räumen der Ausstellungsräume zu verleiten.“ Kevin Volans
„So tritt neben das ‚Ist’ der Bildlichkeit die der Musik verwandte Prozessualität des ‚Werdens’, eine Akzentverschiebung, die dann noch an Virulenz gewinnt, wenn der Künstler klare gestalterische Setzungen vermeidet, ja, auf jedwede formale Festigkeit im Bild verzichtet. Letzteres gilt ganz sicher für die Gemälde und Zeichnungen von Jürgen Partenheimer, der sich selbst einmal, in paradoxer Formulierung, als Kartographen einer imaginären Welt bezeichnete. Mit diesen Worten beschreibt er ein Kunstschaffen, das – statt auf bildnerische Evidenzen zu setzen –  einem nicht ‚gerichteten Denken’ Raum gibt.“ Christoph Schreier

Jürgen Partenheimer, der sein Werk konsequent aus der Abstraktion entwickelt, gehört zu den herausragenden Künstlern seiner Generation. In den 80er Jahren wurde er durch Teilnahmen an den Biennalen von Paris, São Paulo und Venedig international bekannt. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Preis der Kunstkritik von Madrid und Großer Preis für Bildende Kunst NRW. Internationale Ausstellungen:  1997 und 1999 Übersichtsausstellungen in Amsterdam und Valencia, 2000 Retrospektive in der Nationalgalerie Peking, weitere Ausstellungen u.a. in: Gent, São Paulo, Birmingham, Bonn sowie in der Nationalgalerie Berlin und The Museum of Modern Art in New York. www.juergenpartenheimer.de
Kevin Volans; international bekannter, irischer Komponist. Studium an der Musikhochschule in Köln bei Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen. Der in Südafrika geborene Komponist begann nach zahlreichen Forschungsreisen in Südafrika 1979 mit einer Serie von Werken, die auf afrikanischen Kompositionstechniken basierten, mit denen er sich über ein Jahrzehnt auseinandersetzte. In Deutschland wurde sein musikalisches Werk Mitte der 70er Jahre mit der „Neuen Einfachheit“ assoziiert und wird nach einer produktiven und erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem nordamerikanischen Kronos Quartet und der Einspielung seines Stückes „Hunting:Gathering“ (1991) regelmäßig international aufgeführt. Wichtige Aufführungen seiner auch für Orchester komponierten Werke fanden während der Berliner Festwochen statt, in der Wiener Staatsoper, den Salzburger Festspielen, im Lincoln Center, New York, der Documenta Kassel, im
Centre Pompidou, Paris, in der San Francisco Symphonie, der Londoner BBC Proms, im CBSO Birmingham und dem Kunstmuseum Bonn.


Freitag, den 20.11.09

10:00 „Bedeutsamkeit versus Poesie?
Gedanken zur Szenographie bei der Betrachtung von
Interieurmalereien Jan Vermeers“
In Vermeers Rezeptionsgeschichte dominiert der Widerspruch. Ist seine ‚Malkunst‘ ein narratives oder eher ein deskriptives Werk? Erzählt Vermeer mit seinen Bildern Geschichten, breiten sie raum-zeitliche Beziehungen aus oder wollen sie unsere Aufmerksamkeit auf die Ästhetik von Dingen lenken. Sind sie bedeutsam oder poetisch?
Im Fokus des Vortrages steht noch ein dritter Aspekt der Vermeerschen Bildkomposition, der den Bogen zum szenographischen Prinzip der Gegenwart schlägt, nämlich: die Inszenierung des Wahrnehmungszugangs in der Interieurmalerei Vermeers.  
Prof. Dr. Ludwig Fromm, Professor im Bereich Raumstrategien/Lehrgebiet Raum, Ensemble, Wirkung an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel.
 
11:30 Die fünfte Himmelsrichtung ist die Mitte. Ein Exkurs über den Raum.
Der Tisch, der Gipfel, das Ufer, der Kreis, der Schatten, das Maß. Die sechs Kontinente der Kunst. Eine lyrische Annäherung an eine Anthropologie des Raumes zwischen Wahrnehmung und Empfindung. Wenn eine Erfahrung „wohnhaft geworden ist auf dem Grund unseres Geistes“, wie Francis Ponge überlegt, werden wir vielleicht beginnen uns einzurichten und mit unseren Vorstellungen in Räumen zu wandern außerhalb aller euklidischen Koordinaten.
Prof. Dr. Jürgen Partenheimer, renommierter Künstler und Kunsthistoriker, der in Deutschland, Frankreich, Mexiko und den USA studierte und an der Ludwig-Maximilian-Universität, München promovierte. Zahlreiche Professuren und Gastprofessuren: u.a. an der Art University of Arizona, am San Francisco Art Institute; an der University of California at Davis; am  Royal College of Art, Edinburgh; an der Kunstakademie Düsseldorf und an der Rijksakademie in Amsterdam. Seit 2008 ist Jürgen Partenheimer Gastprofessor für Malerei an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel.

13:00 Mittagspause

15:00 Transformative Resonanzräume
Chinesische und japanische Perspektiven
Klassische Konzeptionen des Raums in China und Japan gehen nicht von einer mathematisch-geometrischen Vorstellung aus, sondern von Erfahrung eines akustischen und durch Schwingungsverhältnisse entstehenden Raumes. „Der Raum“ ist somit kein feststehender Rahmen, sondern selbst ein bewegtes und transformatives Geschehen. Im Geschehen „stimmender Resonanzräume“ (chin. ganying) ist auch der Mensch nicht nur „im Raum“, sondern Moment dieses Geschehens selbst. Anhand von alten und neuen Beispielen aus China und Japan wird im Vortrag versucht, das Phänomen „Transformativer Resonanzräume“ zu erschließen als ein Grundmodell performativer Räumlichkeit, das auch helfen soll, zeitgenössische Performancekunst philosophisch zu deuten.
Prof. Dr. Rolf Elberfeld, Philosoph, Japanologe und Sinologe. Seit Juni 2008 Professor für Kulturphilosophie an der Universität Hildesheim. Promotion: „Kitarō Nishida und die Frage nach der Interkulturalität“. Habilitation: „Phänomenologie der Zeit im Buddhismus. Methoden interkulturellen Philosophierens“.  Forschungsschwerpunkte: Phänomenologie, interkulturelle Ethik/Ästhetik, Kulturphilosophie, Philosophie des Leibes und der Interkulturalität.



16:30 Klangräume
Räume sprechen – können wir ihre Sprache verstehen?
Ausgehend von dieser Frage, die Barry Blesser und Linda-Ruth Salter in ihrer Publikation Spaces Speak, Are You Listening? Experiencing Aural Architecture  so treffend formuliert haben, werde ich Sie zu einer Hörreise durch Stadtklänge von Zürich, zum Klangturm in Biel und in den Giardino Sonoro La Limonaia del Imperialino von Florenz einladen.
Wir können Klangräume nicht nur wahrnehmen und unserer Anwesenheit in ihnen gewahr werden. Wir können Klangräume gestalten, welche die öffentlichen Räume aus der Umklammerung des Lärmnebels befreien, sie öffnen und zu allen zugänglichen Wahrnehmungsräumen entwickeln.
Andres Bosshard, international bekannter Klangkünstler und Musiker. Teilnahme an internationalen Musik- und Klangkunstfestivals in Europa, Amerika, Japan und Indien. Im Zusammenhang mit seinen Klangarchitekturen im öffentlichen Raum arbeitet er seit 1995 zusammen mit Freiraumplanern und Architekten. Er unterrichtet als künstlerischer Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste.

18:00 Kaffeepause

18:30 Philosophie des Raumes im Kino
Räumlichkeit ist – neben der Dimension „Zeit“ – ein zentrales Thema der Filmkunst, denn der Raum ist nicht nur einfach geometrisch da; er muss auch „erobert“ und in Anspruch genommen werden. Die Weise, wie dabei der „erzählerische Raum“ (E. Reitz) entsteht, soll im Vortrag dargestellt werden.
Prof. em. Dr. med. Dr. phil. Hinderk M. Emrich, Arzt und Professor für Neurologie und Psychiatrie/Klinische Pharmakologie, Psychotherapeut, Psychoanalytiker; Habilitation 1972 an der Technischen Universität Berlin für das Fach „Molekulare Neurobiologie“; 1987 Habilitation für das Fach „Psychiatrie“ an der LMU München; seit 1992 Leiter der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. 1999 Promotion in Philosophie; seit 2002 Venia legendi für Philosophie an der Universität Hannover, Lehrauftrag an der Deutschen Akademie für Film und Fernsehen.
Prof. Edgar Reitz, international bekannter Filmemacher, assoziierter Professor für Film an der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe. Seine herausragenden Filmprojekte  „Heimat“ und „Die zweite Heimat“, die den Reichtum des filmischen Erzählens par excellence versinnlichen, wurden weltweit gewürdigt.  


Samstag, den 21.11.09

10:00 Mobile Ästhetik
Mit Aufkommen digitaler Technologie und dem Internet wird die Vernetzung aller Lebensbereiche augenscheinlich und führt zur Wandlungen statischer Sphären des Öffentlichen und Privaten, der Vermischung von Arbeit und Freizeit. Der Beitrag schlägt an dieser Stelle das Konzept einer mobilen Ästhetik vor, die im Kontrast zu einer statischen Ästhetik des Werkes entwickelt wird. Zentraler Begriff ist dabei die Atmosphäre (G. Böhme), die im Anschluss an Kant als das ‚Lebensgefühl der Mobilität’ entwickelt und an einer aktuellen künstlerischen Arbeit im öffentlichen Raum verdeutlicht wird.
PD Dr. Wolf Dieter Ernst, Theater- und Medienwissenschaftler. Dissertation über Körperkunst im Medienzeitalter. Habilitation zur Diskurs- und Instititutionengeschichte der Schauspielakademien 1870-1930. Forschungsschwerpunkte: Ästhetik, Medialität, Geschichte des Theaters und der Performance Kunst.
 
11:30 Fraktale Räume
Fraktale sind Mengen mit gebrochenen Dimensionszahlen; als zersplitterte oder durchlöcherte Entitäten sprengen sie jede Raumvorstellung. Der Ausdruck wird hier allerdings als Metapher verstanden, um der eigentümlichen Erfahrung in multidimensionalen medialen Strukturen gerecht zu werden: Wir bewegen uns z.B. von Punkt zu Punkt mit der U-Bahn, ohne eine Vorstellung von der wirklichen Topografie des städtischen Raumes, den wir durchqueren, zu haben, gleichzeitig geht unser Blick in die imaginäre Tiefe eines Bildschirms, während wir mit dem Handy Kontakt zu einer fremden Person an einem anderen Ort der Welt unterhalten. Tatsächlich ist unsere Raumerfahrung mehr und mehr dabei, multipel und inkohärent zu werden. Der Umgang mit solchen Erfahrungen erfordert zugleich eine neue Kulturtechnik: neben mehrfach gefalteter Sinne und 'Aufenthalte' im Raum ein Multitasking, das sich der Vieldimensionalität medialer Oberflächen anzugleichen sucht.
Prof. Dr. Dieter Mersch, Philosoph, nach einer Gastprofessur für Kunstphilosophie an der Muthesius-Hochschule für Kunst und Gestaltung, Kiel seit 2004 Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Potsdam. Dissertation in Philosophie über die Semiotik, Rationalität und Rationalitätskritik bei Umberto Eco an der Technischen Universität Darmstadt. Habilitation in Philosophie mit der Arbeit Materialität, Präsenz, Ereignis. Untersuchungen zu den Grenzen des Symbolischen.

13:00 Mittagspause

15:00 Erleben und Erleben machen. Medientheoretische Überlegungen zur Raumgestaltung.
Nach Dilthey sind Erleben und Erlebnis verbunden,  „Ausdrucksweisen für dasselbe“. Indessen keineswegs im Sinne eines Eventmanagers, Ausstellungsmachers oder Architekten, ausgesuchter Spezialisten für „Erlebbare Räume“. Dilthey hatte vielmehr die Eigenräume innerpsychischen Erlebens und Empfindens im Sinn. Wie lässt sich vorstellen, dass wer den öffentlichen Raum mit seiner Gestaltung besetzt den Leib- und Empfindungsraum seines Publikums erreicht?
Prof. Dr. Heiner Wilharm, Philosoph, Sozial- und Kulturwissenschaftler, bis 2003 Professor für Designtheorie, seither Professor für Gestaltungswissenschaften, Medien und Kommunikation am Fachbereich Design der FH Dortmund. Zusammen mit Ralf Bohn Herausgeber der Reihe „Szenografie & Szenologie“. Mehr unter: www.designradio.net und www. scenology.eu

16:30 Choreographien des Sozialen.
Zum Verhältnis von Bewegung und Raum in den Stadtprojekten der zeitgenössischen Tanz- und Performancekunst
im öffentlichen Raum sind keineswegs ein neues Phänomen, denn  spätestens seit den 1960er Jahren hat sich der zeitgenössische Tanz, ausgehend von der New Yorker Tanzavantgarde um die Judson Church Gruppe, mit dem öffentlichen Raum auseinandergesetzt. Sie haben dabei nicht nur die Tanzproduktionen in den öffentlichen Raum verlegt sondern auf diese Weise auch das von der bildenden Kunst in der Aktionskunst thematisierte Verhältnis von Theatralität und Realität des öffentlichen Raumes mit den Mitteln der Verfremdung, der Ironie, der Irritation, des Zitats, der Intervention thematisiert.
Der Vortrag will der Besonderheit dieses choreographischen Schaffens im Umgang mit Öffentlichkeit zur Diskussion stellen. Vor dem Hintergrund von empirischen Ergebnissen aus Forschungsprojekten, in denen anhand verschiedener Tänze und Choreographen das Verhältnis von Tanz und Raum untersucht wurde sowie vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen als Kuratorin mit tanzkünstlerischen Projekten im öffentlichen Raum soll eine theoretische Skizze des Verhältnisses von Tanz, Choreographie und öffentlichem Raum vorgestellt werden. Dabei wird die ästhetische Besonderheit des zeitgenössischen Tanzes als Kunst im öffentlichen Raum herausgearbeitet und eine Lesart von Choreographie vorgestellt, die diese als Muster für eine Ordnung des Sozialen präsentiert.
Prof. Dr. Gabriele Klein, Soziologin und Tanzwissenschaftlerin, Professorin an der Universität Hamburg (Lehrstuhl für Soziologie von Bewegung, Sport und Tanz am FB Bewegungswissenschaft), Leitung des Zentrums für Performance Studies an der Universität Hamburg. Promotion in Sozialwissenschaften, Habilitation in Soziologie. Arbeits- und Forschungsfelder: Kultur- und Sozialtheorie von
Körper, Bewegung und Sport, Tanz- und Performance-Theorie,
Kultur- und Sozialgeschichte des Tanzes, städtische Bewegungskulturen und
populäre Tanzkulturen, Jugend- und Poptheorie; gender studies.

18:00 Kaffeepause

18:30 »Der inszenierte Raum als Gesamtkunstwerk – von der Ästhetik des Erlebens«
Der Raum als szenografisches Medium mit dem Anspruch „Gesamtkunstwerk“; Betrachtungen über Aggregatzustände, das Wesen und den Charakter von Räumen. Beispiele von Raumbildern, Raumchoreographien im Raum und choreographischen Abfolgen von Räumen. Auf der Spur von Raumstrategien und Raumdramaturgien, auf Exkursionen in den „begehbaren Film“.  Was heißt das, das Nichtausstellbare erlebbar zu machen, sich als Teil des Storytelling zu fühlen und Papier zum klingen zu bringen? Ein Streifzug durch die Erlebnisräume international renommierter Projekte, wie das LHC Information Center Cern, Bern; das BMW Museum, München; das Dornier Museum, Friedrichshafen; das TIM, Museum für Textil- und Industriegeschichte, Augsburg; That`s Opera – 200 Years of Italien Music, Brüssel; das Bachmuseum Eisenach und vieles mehr. Mit einem Ausblick auf das 3rd International Scenographers’ Festival in Basel mit dem Schwerpunkt Exhibition Design.
Prof. Uwe R. Brückner, Architekt und Szenograph, Professor für Ausstellungsgestaltung und Szenografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Gründer und Leiter des Atelier Brückner in Stuttgart, das sich 1997 in Folge der Ausstellung »Expedition Titanic« etablierte, die zu den erfolgreichsten Ausstellungen in Deutschland zählt. Zum derzeitigen Zeitpunkt sind im Atelier 44 Mitarbeiter aus neun unterschiedlichen Berufssparten tätig: Architekten, Bühnenbildner, Innenarchitekten, Lichtgestalter, Kommunikationsdesigner, Grafiker, Produktgestalter, Dramaturgen und Kunsthistoriker.
 

Sonntag, den 22.11.09

10:00 Raum Dramaturgie – between site-specific and space-function in text
This seminar will focus on a specific methodology for performance and theatre that I have developed through my recent research and practice.  I will approach the subject ‘Scenography’ from a dramaturgical point of view, delving on the way the ‘Space’ can become a driving force in meaning-making. The approach relate to the concept of ‘Gesamtkunstwerk’, which  is investigated in perspective to the work of  practitioner like V. Meyerhold, S.I. Witkiewicz and T. Kantor.
Andrea Cusumano is a Lecturer in Scenography at Goldsmiths-University of London and Visiting Lecturer at Central Saint Martins College of Art and Design. He is Co-Founder and Artsitic Director of CeSDAS (Space Applied Dramaturgy Experimentation Centre) in Palermo.

11:30 Die goldene Regel der Stadt
Der Klimawandel hat einen Vorteil: Der flächendeckende Zwang zum Paradigmenwechsel bringt auch die Notwendigkeit mit sich, über die Verbindung ökologischer und ästhetischer Gestaltungsgrundsätze nachzudenken. Dies indes ist keine Technik- oder Form-, sondern eine Raumfrage: Dafür jedoch ist eine grundsätzlich andere Auffassung der Stadt erforderlich. Wenn Häuser und Wohnungen nicht mehr als abgeschlossene Zufluchtsstätten menschlicher Individuen, sondern als Teile von städtischen Raumsequenzen betrachtet werden, bieten sich neue Perspektiven. Gestalt und Größe, Kodierung und formale Ausstattung städtischer Raumtypen können so zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, dass sie individuelle Freiheit ermöglichen und gesellschaftliche Verantwortung verlangen. Das „Prinzip Verantwortung“ wird zur goldenen Regel der neuen Stadt.
Andreas Denk, Kunst- und Architekturhistoriker. Seit 2000 Chefredakteur der Zeitschrift „der architekt“. Von 1990 bis 2000 ständiger Korrespondent von „Kunstforum International“, Außerordentliches Mitglied des BDA. Zahlreiche Veröffentlichungen und Ausstellungen zu Kunst und Architektur der Gegenwart. Lehrt Architekturtheorie in Köln.

13:00 Mittagspause

15:00 Zum Situationscharakter des Wohnens
Gegenwärtige sozialwissenschaftliche Diskurse thematisieren das Wohnen nach funktionalen Aspekten: ökonomischen (z.B. Immobilien), soziologischen (z.B. Lebensstile), demographischen (z.B. Barrierefreiheit) usw. Lebensweltlich drückt sich im Wohnen aber eine ganzheitliche Situation individuellen Lebens aus. Anhand von Beispielen aus einer qualitativen Studie werden Formen des Wohnens (an gesellschaftlichen Rändern) in ihrer Erlebnisbedeutsamkeit annotiert. Diese Situationsbewertungen aus der Perspektive der Betroffenheit vom eigenen Wohnen
werden zur Aktualisierung der Frage nutzbar gemacht, was es heute heißt, zu wohnen.
Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Hasse, Geograph und Phänomenologe, seit 1993 Lehrstuhl für Geographie und Didaktik der Geographie an der Universität Frankfurt/M. Forschungsschwerpunkte:  Windenergie und Landschaftsästhetik, Wahrnehmungsgeographische Studien und Ästhetik unserer Städte, Phänomenologie und Kulturgeschichte.

16:30 Situation und Aktion. Raum als Herausforderung
Raumerleben kann nicht nur in der Wahrnehmung einer Atmosphäre bestehen, sondern auch in dem Wahrnehmen von Gelegenheiten oder Herausforderungen, die durch situative Gegebenheiten vor Ort bestehen können. Im Ausgang von Computerspielen führt der Beitrag vor, wie Raum nicht nur in seinem Angebotscharakter, sondern gar als Problemstellung gegeben sein kann. Von hier aus kann schließlich eine Beschreibung der räumlichen Praxis erfolgen, mit der Raum nicht mehr als eine substantielle Entität, sondern als performatives Produkt konzipiert werden kann.
Prof. Dr. Stephan Günzel, Gastprofessor für Kulturtheorie und Raumwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitarbeiter am Zentrum für Computerspielforschung der Universität Potsdam. Forschungsgebiete: Kultur-, Medien- und Raumtheorie. Publikationen: Archivologie (Mithg., Berlin 2009), Raumwissenschaften (Hg., Frankfurt/M. 2009), The Philosophy of Computer Games (Mithg., Potsdam 2008), Topologie (Hg., Bielefeld 2007), Maurice Merleau-Ponty (Wien 2007), Raumtheorie (Mithg., Frankfurt/M. 2006), Geophilosophie (Berlin 2001). Homepage: www.stephan-guenzel.de.