Workshopwoche im Wintersemester 2010/11
Zur fünften Workshopwoche im Rahmen des Bogenthemas gehen, blühen, fließen waren Heimo Lattner, Mary Lucier, Nana Petzet und Francis Zeischegg eingeladen.
Heimo Lattner "Gewöhnliche Orte"
Architektur, Urbanismus, Stadtplanung - die Disziplinen neigen dazu, die „Gewöhnlichen Orte“ zu übersehen. Jene Orte, die wir im Alltag nicht bewusst wahrnehmen, die aber prägend für das sozio-kulturelle und sozio-politische Timbre der Stadt sind. Das Anliegen des Wokshops ist es, die Aufmerksamkeit auf Orte zu richten, an denen man „zufällig“ vorbeikommt. Orte, die kein Tourist aufsucht. Eigensinnige Orte. Nüchterne Orte. Unbewusste Orte. Orte, an denen sich die Stadt und die BenutzerInnen quasi selbst begegnen. Ausgestattet mit Diktiergerät, Videokamera oder Notizblock wollen wir uns durch die Stadt bewegen und jene Orte ausfindig machen, die uns zur freien Assoziation inspirieren. Es soll alles ausgesprochen, aufgezeichnet und in weiterer Folge aufgeschrieben werden, was uns an diesen Orten in den Sinn kommt, auch das Absurdeste. Anhand dieser Aufzeichnungen soll eine Karte
erarbeitet werden, welche jene Orte der Möglichkeit, jenseits ihrer intendierten Bedeutung und Nutzung abbildet; an denen sich die Einbildungskraft der StadtbenutzerInnen selbst in Szene setzen kann: eine Kartographie der Wünsche, Sehnsüchte und Projektionen.
Heimo Lattner geboren 1968 in Eisenstadt/Österreich, lebt in Berlin.In seinen künstlerischen Arbeiten vermischen sich stadtplanerische Konzepte, soziale Kontexte und politisch- ökonomische Aspekte mit fiktiven narrativen Elementen. In seinen Radioarbeiten, Videos, Installationen und Performances beschäftigt er sich mit den marginalisierten und unterdrückten
Denkweisen, Tätigkeiten und Lebensentwürfen, die in der Menge das dominante Spektrum eines vermeintlichen Konsens hinterfragen. Den Rahmen hierfür boten u.a.: ICA London; PS1/Moma New York; Akademie der Künste Berlin; Wexner Center for the Arts Columbus, Ohio; Museum of Contemporary Art Massachusetts/MassMoca; Goldsmith College und Whitechapel Gallery London; Whitney Museum of American Art New York; 8. Sharjah Biennale; Baltic Center for Contemporary Art Gateshead; Transmedieale und Club Transmediale Berlin.
Mary Lucier "RUNNING, CRAWLING, THINKING, MAKING: Urban Nature and the video environment"
All participants should bring a device for recording images and/or sound, as well as a recent media work. We will view and discuss current works in video installation and set some tasks for everyone to realize dealing with the definition or experience of urban nature. We‘ll work with cameras, tripods, and microphones, as with editing equipment. This workshop will be in english.
Mary Lucier
has been making video art and installations since the early 1970‘s. Her work
has been shown in major museums around the world where it now resides in numerous collections, such as the Reina Sofia, Madrid; The Whitney Museum, New York; The Stedelijk Museum, Amsterdam; The Museum of Modern Art, New York and ZKM Karlsrhue, Germany. She has been the recipient of
many awards and fellowhips, including the Guggenheim Foundation, the Rockefeller Foundation, Creative Capital and the Japan-US Friendship Commission. Current work includes a cycle of tapes and installations based in Japanese Medieval Buddhist Convents and a project scheduled for the Brooklyn
Museum of Art in 2011 called Genealogy: „The Dutch Connection.“ Her work is represented by Lennon, Weinberg Gallery, New York, with video distribution by Electronic Arts Intermix.
Nana Petzet "Modellbiotope"
In ihrem aktuellen Langzeitprojekt „Im Peutegrund“ kategorisiert und dokumentiert Nana Petzet filmisch die Tier- und Pflanzenwelt eines der letzten Biotope im Hamburger Hafen mit der Intention, diesen bisher als Altlastverdachtsfläche und Hafenerweiterungsgebiet definierten Brachraum mit künstlerischen Mitteln in seinem Wert sichtbar zu machen, – und seine Neubewertung anzustoßen. Im Workshop wird Nana Petzet zunächst „Im Peutegrund“ vorstellen und zum Ausgangspunkt für gemeinsame Überlegungen zum Konflikt zwischen Mensch und Natur machen. In Kiel werden Orte gesucht, an denen die politische Dimension des Themas besonders deutlich wird: Interessen von Stadt und Investoren auf der einen, Naturschutz auf der anderen Seite. Jeder Teilnehmer entscheidet sich für einen konkreten Ort im Kieler
Stadtgebiet, den er interessant findet und stellt ihn in einem kurzen Vortrag im Workshop vor, wobei hier der Schwerpunkt auf der Begründung der Entscheidung für diesen bestimmten Ort liegt.
Nana Petzet, geboren 1962 in München, lebt in Hamburg. Seit ihrer Performance „Rational Scientific Art“ an der Münchner Akademie, einem Vortrag über die Gravitationstheorie eines fiktiven Physikers, steht die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen im Zentrum von Nana Petzets künstlerischer Arbeit. Nach ihrem Vortrag „Reversion als Realisation negentropischer Prozesse im makroskopischen Bereich“ und ihrer Installation „Schrödingers Katze“ wo es um die Quantenmechanik und deren auf stochastischen Grundannahmen basierende Weltsicht geht,
wandte sich Nana Petzet 1995 dem Thema Hausmüll zu und entwickelte das „SBF-System“, als Gegenmodell zum Grünen Punkt.
Francis Zeischegg "ORT AM LIMIT"
- physische und andere Grenzsysteme - an den Rändern gelebter Inseln, genutzter Zonen und gedachter Reviere...
Bei Erkundungen im Stadtraum, Landschaftsraum und Seeraum finden sich eine Vielzahl an Orten und damit verbunden ungewohnten Einsichten. Diese dienen auf realen und virtuellen Spaziergängen dem Aufspüren von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, Barrieren und Hindernissen in unseren konkreten Lebensräumen. Sich fremd oder vertraut zu fühlen, etwas als
einladend oder abstoßend zu erleben, etwas weit, fern oder nah und eng zu beschreiben, das sind Parameter von Ortserfahrung. Die Erscheinung von Grenzen, ihre Beschaffenheit und Bedeutung sowie den Umgang damit und die Überwindung oder Durchdringung von Grenzen zu erforschen, ist Gegenstand
des ersten Workshopteils. Im zweiten Teil des Workshops entstehen Konzepte und reale Modelle zum Thema ORT AM LIMIT. Diese werden dann mit einfachen Materialien temporär auf dem Campus und in der näheren Umgebung realisiert. Dabei können temporär aufgerichtete Hindernisse oder Grenzelemente öffentlich genutzte Räume in ihren Funktionen kurzzeitig verändern und ihre Bedeutung aufheben oder verschieben. Alle Arten von Grenzen, ihre Überschreitung, ihre
Aufhebung bzw. Durchdringung wird Thema sein und Aufmerksamkeit auf unsichtbare, gefühlten Grenzen und Barrieren im Zusammenleben lenken. Zitat: „Wir können jenem ursprünglichen Bedürfnis, einen eigenen Ort zu bewohnen,
nur entsprechen, wenn wir den Ort am Limit, als Grenze denken“. … und ebd. ... „Wenn man die Grenzberührung ausschließt, schafft man den Ort ab.“ (Massimo Minuten Cacciari, Klagenfurt und Wien 2002 *)“
Francis Zeischegg, bildende Künstlerin, geboren in Hamburg, lebt in Berlin. Sie studierte Malerei und Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin. Ursprünglich von der Malerei ausgehend arbeitet Francis Zeischegg heute skulptural und installativ sowie mit Wand füllenden Grafiken, Zeichnungen
und anderen Medien. Inhalt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung sind Themen, die im Grenzbereich zwischen Kunst, Architektur und der Wahrnehmung sozialer Räume liegen. Francis Zeischegg betreibt auf verschiedenen
Wahrnehmungsebenen eine Art Grundlagenforschung über die Beziehung von Mensch zu Raum. ‘Raum’ begreift sie dabei nicht nur als formale Konstante, sondern auch als dynamisches Ergebnis sozialer Pro-zesse, gesellschaftlicher Praxis und individuellen Verhaltens. Der Begriff der „Perspektive“ versteht sich dabei „optisch“ als Bezugssystem des menschlichen Sehens im und zum Raum und im übertragenen Sinne als permanente „Standortbestimmung“.
www.franciszeischegg.de