MEDIEN UND THEORIE / GEHEN BLüHEN FLIEßEN / INTERDISZIPLINäRE SYMPOSIEN / ERKUNDUNG UND IMAGINATION

Erkundung und Imagination - Naturverhältnisse in der Kunst

Symposion des Forums

28. – 30. Januar 2011

in der Stadtgalerie Kiel

Die Natur verschwindet nicht aus der Kunst nachdem das Paradigma der Nachahmung ausgedient hat. Prozessorientierte Verfahren und die direkte Verwendung von Naturmaterialien unterlaufen traditionelle Repräsentationsverhältnisse. Aus methodischen Erkundungen von Naturprozessen entwickeln sich Formfindungen parallel zur Natur. Häufig übernimmt die Kamera dabei nicht nur Aufzeichnungsfunktionen, sondern inszeniert neue Formen der Sichtbarkeit. Ausschnitt, Vergrößerung, Beschleunigung und Verlangsamung erzeugen andere Bilder von Natur.

Ende der 1920er Jahre wird das erstmals zu einer breiten ästhetischen Erfahrung. Pflanzenfotos und ein Zeitrafferfilm von Pflanzenbewegungen werden zum Anlass das Verhältnis von Kunst, Natur, Technik und geschichtlicher Erfahrung zu diskutieren. Walter Benjamin reflektiert diesen Moment in der Auseinandersetzung mit den Pflanzenfotos von Karl Blossfeldt.

Auf dem dritten Symposion des Lehr-, Forschungs- und Ausstellungsprojekts » gehen blühen fließen «  wird dieser Moment auf seine historischen Voraussetzungen ebenso befragt, wie auf seine Wirkung in der zeitgenössischen Kunst. Angesichts einer gesellschaftlich als bedroht erfahrenen Natur, schafft eine an den Phänomenen orientierte Aufmerksamkeit neue Bedeutungsfelder jenseits diskursiver Verfestigungen. Die ästhetische Reflexion radikalisiert sich gerade da, wo methodische Erkundung und Imagination sich neu verschränken.

Freitag, 28. Januar 2011

13:00 Begrüßung

Ines Lindner, seit 2008 Intendantin des Forums für Interdisziplinäre Studien der Muthesius Kunsthochschule Kiel mit dem Lehr-, Forschungs- und Ausstellungsprojekts » gehen blühen fließen «.

13:30 Feldarbeit

Vortrag über die Arbeit von Lois Weinberger, ausgehend von den 1970er Jahren, in denen ethnopoetische Arbeiten entstehen, welche die Basis bilden für die seit Jahrzehnten
entwickelte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Natur- und Zivilisationsraum. Im weiteren eingehend auf die 1990er Jahre, auf die Metapher der Ruderal-Pflanzen, die alle Bereiche unseres Lebens tangieren und die Ausgangs- und Orientierungspunkt sind für Notizen, Zeichnungen, Fotos, Objekte, Texte, Filme, für sichtbare und unsichtbare Pflanzentransfers im urbanen Raum wie im Landschaftsgebiet.

Franziska und Lois Weinberger sind Bildende Künstler aus Wien. Sie arbeiten für spezielle Projekte im öffentlichen Raum seit 2003 zusammen. International vertreten war Lois Weinberger unter anderem 2009 bei der Biennale Venedig, 1997 bei der documenta X, 1991 bei der Biennale Sao Paulo. Lois Weinberger arbeitet bereits in den 70er Jahren mit Naturmaterialien und beeinflusste maßgeblich die Debatte um Kunst und Natur.

15:00 Das vertraute Fremde, das fremde Vertraute – 

Das Schöne ist universal. Über die Arbeit mit lebenden Pflanzen

In ihrem Vortrag berichtet Barbara Nemitz über das von ihr 1993 begonnene Werk » KünstlerGärten Weimar «. Die konsequente Initiative, ausschließlich mit lebenden Pflanzen zu arbeiten, war zu dieser Zeit ungewöhnlich. Ziel war: Vegetation als künstlerisches Medium durchzusetzen. In der Fachöffentlichkeit und Presse wurde » KünstlerGärten Weimar « früh als Pilotprojekt erkannt. Die künstlerische Arbeit von Barbara Nemitz besteht darin, Formen zu initiieren, die durch das Miteinander vieler Beteiligter hervorgebracht und weiterentwickelt werden. Das Werk » KünstlerGärten Weimar « umfasst unterschiedliche Handlungsebenen, Kommunikations- und Präsentationsformen. Es versteht sich als flexibles » work in progress « mit unterschiedlichen Beteiligten.

Barbara Nemitz Professorin für Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar, wo sie seit 1994 ihr Projekt » KünstlerGärten Weimar « realisiert. Ihre künstlerische Arbeit ist interdisziplinär und manifestiert sich in unterschiedlichsten Medien und Methoden. Ihr 1999 erschienenes Buch » TransPlant « gab erstmals einen ausführlichen Überblick über den Gebrauch von Pflanzen in der zeitgenössischen Kunst.

16:30 Dem Körper schreiben

Die Beziehung von Körper und Sprache bei Marcel Broodthaers und Bruce Nauman

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass und wie sich Marcel Broodthaers und Bruce Nauman gegenseitig wahrgenommen haben. Dennoch gibt es ein feststellbares gemeinsames Interesse, nämlich die Sprache als den Versuch des Subjekts zu betrachten, sich selbst zu sagen, zu schreiben, sich von der Natur über eine diskursive Selbstbetrachtung zu emanzipieren und sich als kulturelles Wesen zu behaupten. Dabei geht es um die Techniken der »Entschreibung« des Körpers, seiner Befreiung von der Lüge, von der Ideologie. Beiden Künstlern ist in ihrem künstlerischen Handeln das Verschwinden des Subjekts in der Sprache offenbar und beide versuchen, auf unterschiedliche Weise diese Absenz zu erkunden. Dem sich einstellenden undefinierten, unsagbaren mithin » sprachlosen « Zwischenraum oder Leerraum eine Sprache zu verschaffen, ist der eigentliche Gegenstand ihres Interesses.

Eugen Blume ist seit 2001 Leiter des Hamburger Bahnhofs, Museum für Gegenwart, Berlin. Als Kunstwissenschaftler und Kurator hat er an zahlreichen Publikationen und Ausstellungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mitgewirkt. Unter anderem ist er Mitherausgeber des Bruce Naumann Lesebuchs (Dumont 2010).

19:00 Ausstellungseröffnung

Eröffnung der Ausstellung » gehen blühen fließen. Naturverhältnisse in der Kunst «. Kuratiert von Frank Wagner, Stadtgalerie Kiel

Samstag, 29. Januar 2011

09:30 Das Optisch Unbewusste und die mediale Inszenierung des Lebendigen. Zur Rezeption des Zeitrafferfilms »Das Blumenwunder« (1926)

» Es ist eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht... «, so beginnt Walter Benjamin den Absatz, in der »Kleinen Geschichte der Photographie «, in dem er den Begriff des Optisch Unbewussten einführt. Kameratechniken können Dinge und Abläufe jenseits der Wahrnehmungsschwelle registrieren. Das wurde um die Jahrhundertwende in der Wissenschaft genutzt, aber auch in der Populärkultur. Neu ist Ende der 1920er Jahre, dass diese Effekte ästhetisch besetzt werden und Anlass geben, über das Spannungsverhältnis von Natur, Technik und Kunst im Zeichen einer krisenhaft gewordenen Moderne nachzudenken.

Ines Lindner ist Kunstwissenschaftlerin und Intendantin des Forums der Muthesius Kunsthochschule. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist eine kulturwissenschaftlich orientierte Erschließung von Kunst seit dem 19. Jahrhundert.

11:00 Den Nerv der Zeit getroffen?

Vorstellungen zur Seele der Pflanzen in der Philosophie und Biologie um 1900

Was faszinierte Biologen, Philosophen, Psychologen und Pädagogen an der Vorstellung, dass Pflanzen eine
» Seele « haben? Wie nie zuvor kursieren um 1900 unterschiedliche Vorstellungen zur Pflanzenseele in den Geistes- und Naturwissenschaften – sogar eine » Pflanzenpsychologie « entsteht als neues Forschungsprogramm. Die Hintergründe, wichtige Positionen und Kritik sind Thema dieses Vortrages, der auch die bewegte Pflanzenseele im Film tangiert.

Hans Werner Ingensiep lehrt Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Duisburg-Essen. Unter Anderem schrieb er das Grundlagenwerk » Geschichte der Pflanzenseele «, Stuttgart 2001.

12:30 Tintenfisch im Zeitmikroskop. Jean Painlevés Filme zwischen Entdeckung und Imagination

Das Verständnis des Biologen Painlevé » Science is fiction « schloss ein, den Film als legitimes Mittel wissenschaftlicher Forschung zu nutzen. Er stieß damit 1925 bei der Académie des Sciences auf empörte Ablehnung, fand aber dagegen ein begeistertes Publikum bei der künstlerischen Avantgarde. Wie kreuzen sich wissenschaftliche und ästhetische Dimension in der Konstruktion und Rezeption seiner Filme? Was erzählt die Kombination von wissenschaftlichen Aufnahmen mit Ausschnitten aus dem Stummfilm (Vampire) bzw. die Integration seiner Unterwasserfilmaufnahmen in dem surrealistischen Film von Man Ray (L’étoile de mer)? Der von Sergej Eisenstein als » einzig ernsthafte Konkurrenz der Muttergottes von Lourdes « gerühmte Filmemacher steht gleichermaßen für die Aufzeichnung wie für die Inszenierung neuer Formen der Sichtbarkeit und scheint exemplarisch für die Unterlaufung traditioneller Repräsentationsverhältnisse durch prozessorientierte Verfahren zu sein.

Angela Lammert ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie arbeitet an der Akademie der Künste Berlin. Sie wirkte unter anderem an Konzept und Realisierung und Katalog der großen Blossfeldtausstellung 1999 und der Ausstellung » Notationen « 2008 mit.

15:00 Anorganische Natur. Pflanzen im Horrorfilm.

Der Vortrag verortet die metamorphotische Dimension von Pflanzen im Horrorfilm an der Schnittstelle zwischen Organischem und Anorganischem. Anhand einer Analyse u.a. der drei verschiedenen » Body Snatcher « Verfilmungen soll der unheimlichen Mimikry-Funktion von Pflanzen nachgegangen werden, in der das Organische durch die spezifische filmästhetische Animation ihre Naturhaftigkeit einbüßt und zunehmend vom Antropomorphen, Zoomorphen aber auch Technomorphen ununterscheidbar wird.

Sulgi Lie studierte Filmwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Bochum, Amsterdam und Berlin. Seit 2005 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft an der FU Berlin. Einer seiner Schwerpunkte sind Körperbilder und Tierbilder.

16:30 Time-Lapse. Zeitraffer. Überlegungen zu einem filmischen Effekt.

Der Vortrag beschäftigt sich mit der Rolle des Zeitraffers. In der Wissenschaft wird er zur Visualisierung langsamer Prozesse eingesetzt und dient der Anschaulichkeit von Naturprozessen. Im frühen Kino rangiert der Zeitraffer dagegen als illusionistischer Trick, der das Publikum in Staunen versetzen soll. Wie spielen Seherwartungen und Apparatur zusammen? Wird eine Zeiterfahrung decodiert oder konstruiert?

Tom Gunning lehrt an der Universität von Chicago. Schwerpunkt seiner Arbeit ist der frühe Film und die Geschichte der Filmkultur. Der von ihm eingeführte Begriff » cinema of attraction « hat wesentlich zu einer neuen Aufmerksamkeit und Theoretisierung des frühen Films beigetragen.

20:30 Filmabend »Das Blumenwunder« (1926). CinemaxX Kiel

Wiederaufführung des Stummfilms mit der von Eduard Künneke komponierten Originalmusik, gespielt von der norddeutschen sinfonietta unter der Leitung von Christian Gayed. Der Film basiert auf Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenbewegungen und hatte eine bemerkenswerte Rezeption im intellektuellen und künstlerischen Milieu der Weimarer Republik.

Eintritt frei, Reservierung möglich unter forum@muthesius.de oder T. (0431) 51 98 448. Mit freundlicher Unterstützung des Ministeriums für Bildung und Kultur Schleswig-Holstein und des CinemaxX Kiel.

Sonntag, 30. Januar 2011

09:30 Die Ganze Welt 1:10. Ernst Fuhrmanns Blick auf das geheime Leben der Pflanze.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte der Schriftsteller und Philosoph Ernst Fuhrmann (1886  –  1956) eine eigenwillige »Biosophie« als Lehre von den Zusammenhängen. In Aufsätzen und Büchern versuchte er, die geheimen Verbindungsfäden zwischen Pflanze, Mensch und Tier nachzuweisen und ging davon aus, dass die Pflanze nur eine mögliche Form ewig wiederkehrender Lebensprozesse repräsentiert, während Mensch und Tier sich lediglich in einem anderen Stadium der Entwicklung befinden. Neben seinen Schriften regte er als »Bildregisseur« (Gert Mattenklott) den Aufbau eines gewaltigen Bildarchivs an, das Fuhrmanns Thesen in mehrere Tausend Pflanzenfotografien belegen sollte. Zu den Fotografen des Folkwang-Auriga-Archivs zählte u.a. Albert Renger-Patzsch. Fuhrmanns Gedankenwelt übte in den zwanziger Jahren eine große Anziehung auf Künstler und Intellektuelle aus, die sich etwa an Alfred Döblins Rezension von Fuhrmanns Buch » Die Pflanze als Lebewesen « ablesen lässt.

Rainer Stamm ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Als Kunst- und Kulturwissenschaftler hat er sich wiederholt mit Ernst Fuhrmann beschäftigt und der von ihm iniziierten Pflanzenphotographie. Er ist u.a. Autor und Herausgeber des Katalogs »Die Sprache der Pflanzen«, Erfurt 2000, der sich mit der Pflanzenphotographie in den 1920er Jahren beschäftigt.

11:00 The double landscape

Seit den frühen1970er Jahren hat Mary Lucier mit der Überblendung von Landschaften gearbeitet – etwa zwei realen Geographien wie Alaska und Amazonas (Noah’s Raven)- oder zwei imaginierten wie dem Sudan und Des Moines, Iowa (Migration 2000). Das Ergebnis der Überblendung steht in Beziehung mit Konzepten der Herausbildung supra nationaler Identitäten.

Mary Lucier gehört zu den Pionieren der Videokunst in den USA. Ihre Arbeit, die sich häufig mit Natur und Landschaft auseinandersetzt, ist seit den 1970er Jahren international präsent. Zur Zeit arbeitet Sie an einem Projekt » Genealogy: The Dutch Connection «, das 2011 im Brooklyn Museum zu sehen sein wird.

12:30 Uhr Abschlussdiskussion