MEDIEN UND THEORIE / FORUM: GEHENBLüHENFLIEßEN / INTERDISZIPLINäRE SYMPOSIEN / RESTNATUREN

RestNaturen

Symposion des Forums
vom 28. – 30. Mai 2010
in der Kunsthalle zu Kiel

Auch heute noch herrscht die Vorstellung von der Natur da draußen und uns hier drinnen vor.

Die Naturwissenschaft gibt  Nachricht über ihre unabänderlichen Gesetze, die Gesellschaft entscheidet über Ausbeutung oder die  Schonung der Natur. Ein unendlicher Strom von Bildern zeigt ihre Schönheit und ihren Schrecken. Auch in der Umweltpolitik regiert die Vorstellung eines Gegensatzes, der immer erst überwunden werden muss. Ausgehend von Bruno Latour wird es dagegen auf dem Symposion um Fragen der Umverteilung gehen, welche die politische Trennung von Natur und Gesellschaft unterlaufen, um Reflexionen und Aktivitäten, die sich durchs Dickicht der Mischformen schlagen, um Künstler, die auf dem Asphalt botanisieren gehen und in den Wäldern Zivilisationsreste kartieren. Im Rahmen des Forumsprojekts gehen blühen fließen gilt das Interesse den peripheren Avantgarden (Jussi Kivi), die jenseits der Einteilungen Reflexions- und Handlungsräume eröffnen.

Ines Lindner

Freitag, 28. Mai 2010

15:00 Begrüßung

Ines Lindner, Intendantin des Forums für Interdisziplinäre Studien der Muthesius Kunsthochschule Kiel


15:30 Uhr Rückkehr und Verschwinden der Natur - Zur Experimentieranordnung der Politischen Ökologie Latours

Die Betonung einer Eigenständigkeit der Sozialwissenschaften lässt die Natur »draußen«. Soziales soll sozial betrachtet werden. Bruno Latour bietet einen Versuch an, diese strikte Trennung aufzugeben, womit zugleich »die Natur« verschwindet. In seiner Politischen Ökologie zeigt er, wie sich Versammlungen/Akteurs-Netzwerke konstituieren, die weder natürlich noch sozial sind.

Stephan Lorenz Dr. phil.
, Soziologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Schwerpunkte: Nachhaltigkeit/Umwelt/Ausgrenzung, Konsum und Ernährung, Methodik und Gesellschaftstheorie.


16:30 Guerilla Gardening

Politisches Gärtnern, konstruktiver ziviler Ungehorsam, pragmatische Einmischung in Gestaltung öffentlicher Räume, manchmal einzeln und meist gemeinsam, vielfältig, kleinteilig, kreativ und subversiv, irgendwo zwischen legal und illegal, oft global gedacht und immer lokal gemacht ... Dieser Vortrag wird einen kleinen Überblick geben über die bunte Welt des Guerrilla Gärtnerns, samt Theorie-Elementen und anschaulichen, bebilderten Beispielen.

Julia Jahnke, gelernte Gärtnerin, studierte Gartenbauwissenschaftlerin, M. Sc. in Nachhaltiger Landnutzung, international umtriebige Gartenaktivistin, vertritt eine holistische Weltsicht, Motto »Eine andere Welt ist pflanzbar !«, derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin beim KlimZug-Projekt INKA BB.


18:00 Wenn Wüstes wunderbar wird. schauen - bauen - drüber reden: Landschaft.

Am Beispiel der Entdeckung der Sächsischen Schweiz lässt sich die ästhetische Umwertung vom abstoßend Wüsten zur wunderbar schönen Landschaft nachvollziehen.
Vielzitiert ist die an der Malerei geschulte Produktion von Landschaft im Blick auf eine Gegend. In ihrer Entdeckung wird Landschaft oft auch materiell verändert, ja hergestellt. Selten beachtet wird der Anteil der Sprache für den Prozess der Umwertung des Wüsten. Die Wilde Kippe Lüntenbeck ist das Beispiel einer Wildnis, wie sie derzeit in der Stadt entdeckt werden.

Antonia Dinnebier ist freiberuflich und unternehmerisch als Landschaftsarchitektin in Wuppertal tätig. Ihren Alltag bestimmt die Bespielung eines historischen Bauensembles. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Idee der ästhetischen Landschaft sowie die Geschichte der bürgerlichen Gartenkunst. Daneben spürt sie in Texten, Führungen und Ausstellungen der verborgenen Tiefe unscheinbarer Orte nach.

Samstag, 29. Mai 2010

10:00 Dystopische Landschaften

Dystopisch sind Landschaften, in denen das Verhältnis von Mensch und Natur aus dem Lot ist. Ursache kann dieunwirtliche oder katastrophische Natur sein oder der zerstörerische Eingriff des Menschen. Wenn sie sich nicht ausblenden lassen, werden dystopische Landschaften zum Krisenfall der Wahrnehmung und eine Herausforderung für die Darstellung und Umgestaltung. Der Vortrag diskutiert an Beispielen aus der Kunst und Landschaftsarchitektur den Umgang mit gestörten Landschaften, ihre symbolische Aufladung und das Problem ihrer Ästhetisierung.

Ines Lindner ist Kunstwissenschaftlerin und Intendantin des Forums an der Muthesius Kunsthochschule. Sie hat im Ausstellungswesen gearbeitet, an der Universität der Künste, Berlin und an der McGill University in Montreal unterrichtet. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist eine kulturwissenschaftlich orientierte Erschließung von Kunst seit dem 19. Jahrhundert.


11:00 Restgrün

Die vorgestellten Arbeiten und Interventionen bewegen sich in einem Spannungsfeld von Öffnung und Abgrenzung. Sie zeigen Orte, zu denen wir mit unseren Augen nicht gelangen, urbane Prozesse, in denen Natur, Gesellschaft und Geschichte einander durchdringen. Landschaft wird zur experimentellen Folgelandschaft, eine von Transformation und vielen Schichten geprägte Zone, in der Restlöcher zu einem See zusammen fließen, die vermessbar, formbar und veränderbar ist.

Ulrike Mohr ist Bildende Künstlerin aus Berlin. Sie verpflanzte wild gewachsene Kiefern eines ehemaligen Militärgeländes (750 Kiefern in militärischer Anordnung, 2003) oder siedelte eine Gruppe von auf dem Dach des mittlerweile abgerissenen Palastes der Republik gewachsener Bäume auf innerstädtisches Brachland um (Neue Nachbarn, 2008). Sie nahm an der 5. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst teil und erhielt 2009 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds.


12:00 Das Grüne Band in Deutschland und Europa - Vom Todesstreifen zur Lebenslinie

Im Bereich des ehemaligen Eisernen Vorhangs, der früheren Grenze zwischen Ost und West, konnte sich aufgrund der Abgeschiedenheit über die Jahrzehnte ein Band von wertvollen Biotopen entwickeln, das heutige »Grüne Band«. Durch seine vielfältige Naturausstattung, aber auch den lebendigen Bezug zur jüngeren Geschichte in Europa verbindet es ehemals getrennte Kulturen. Diesen grünen Streifen lebendiger Geschichte für die Menschen zu erhalten und seine Naturperlen zu schützen, nach dem Motto »Grenzen trennen – Natur verbindet«, ist durch den bestehenden Nutzungsdruck die große Herausforderung der »Grüne Band« – Initiative des BUND.

Elke Körner, Diplom-Biologin, beim BUND Schleswig-Holstein seit Januar 2009 als Projektmanagerin für das von der EU teilgeförderte Interreg-Projekt »Baltic Green Belt« tätig. Schwerpunkte: Ostseeschutz, Vermüllung und nachhaltige Küstenentwicklung.

Helmut Maack, ehrenamtlich tätig in der Kreisgruppe Herzogtum Lauenburg des BUND, Schwerpunkt seiner Arbeit ist der Amphibienschutz, seit einigen Jahren ist die Arbeit am Grünen Band hinzugekommen.


15:00 Die Ästhetisierung der Brache

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es neben einer selbstverständlichen Aufmerksamkeit der Botanik und Zoologie für alles, was wächst und lebt, ein spezielles Interesse an dem, was dies auf Industriegeländen und -brachen tut. Vereinzelt beginnen kenntnisreiche Liebhaber und einige Exzentriker in der akademischen Welt, sich für die Tiere und Pflanzen zu interessieren, die unter industriellen und städtischen Bedingungen überleben oder durch sie überhaupt erst Überlebensbedingungen in den alt-industrialisierten Ländern finden. Damit beginnt die Ästhetisierung der Brache und ihre Karriere als Ort künstlerischer Experimente.

Susanne Hauser, Professorin für Kunst- und Kulturgeschichte im Studiengang Architektur an der Universität der Künste Berlin.


16:00 Transruralwelle - Pionieren im Raumüberfluss der Peripherie

Seit 2001 konzentriert sich meine Arbeit auf ein 2 ha großes Gärtnereigelände im Dorf Steinhöfel, das sich als öffentlicher Garten, Kunstraum und als heterotopes Versuchsfeld im sozialen und realen Umgebungsgefüge behauptet. Ich gebe einen Bildbericht und stelle einige der fragwürdigen und der faszinierenden Aspekte unserer Arbeit im östlichen Brandenburg vor. Sind neue »andere« Räume wünschenswert, und lassen sie sich partizipativ gestalten? Sind sie notwendig, sind sie nachhaltig?

Christine Hoffmann, Studium der Komparatistik an der FU Berlin, Künstlerin und Kuratorin, lebt und arbeitet seit Beginn der neunziger Jahre im ländlichen Raum Brandenburgs.


17:30  3 x 7 Eisbeine-Trip von Kiel nach Scheveningen

Vielleicht kann man sagen, dass Landschaft eine von Sinn- und Zwecksetzungen überzogene Natur ist. In dem Vortrag werden verschiedene Projekte der Hamburger Galerie für Landschaftskunst vorgestellt, die sich solche Sinn- und Zwecksetzungen genau ansehen und den Versuch unternehmen, sie mit künstlerischen Mitteln zu verrücken und aufzulösen, um hinter ihre Horizonte zu blicken.

Till Krause arbeitet gemeinsam mit dem Künstler-Projektraum Galerie für Landschaftskunst über Vorstellungen von Natur, Landschafts- und Stadtraum; darunter Langzeitprojekte wie »Hamburgkartierung«, »Inseln & Passagen«, »GFLK-Surveys«, »Handikartierung Afrika«, »Lower Saxony« und »Deutschland-Trips «

Sonntag, 30. Mai 2010

10:00 Windows Nature
Anmerkungen zu Walton Fords "Bestarium" und seiner medialisierten Sicht auf die Natur

Walton Ford sorgte 2006 mit seinen großformatigen Tierdarstellungen für Aufsehen. Seine Tiere sind zwar lebensgroß aber nicht nach dem Leben gemalt, sondern nach historischen Vorlagen und Texten. Der Vortrag wird Bezüge zur Naturillustration, der Fotografie, dem Diorama untersuchen und vor dem Hintergrund und Genese des Werks ihre allegorische Konstruktion analysieren.

Miron Schmückle arbeitet als freischaffender Künstlerin Berlin. Seine Arbeiten sind international in öffentlichen Sammlungen vertreten.


11:00 Der Zoo als wahres, weilästhetisches Bild der Natur. Die zivilisatorische Leistung des zoologischen Gartens

Zoologische Gärten sind trotz einschlägiger Vorgeschichte vor allem das Produkt der Industrialisierung. Sie gehören wie das Panorama, das Vaudeville oder die Massenpresse zur Unterhaltungskultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Vortrag begreift die künstliche Präsentation der Tierwelt als kulturell-zivilisatorische Leistung die gerade in ihrer Künstlichkeit als Ästhetisierung der Natur den »schrecklichen Erkenntnissen« Darwins Paroli bietet. Das impliziert auch, dass die Kultur als die Natur des Homo sapiens verstanden wird, und in diesem Sinne ist jede Inszenierung der Natur immer am Maßstab der Kultur zu messen. Nirgends sonst also können sich Mensch und Tier – selbstverständlich bei artgemäßer Haltung – für einen symbolischen Moment von der »Tragik des Lebens« emanzipieren.

Dr. Norbert M. Schmitz, Professor für Ästhetik an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Kunst- und Medienwissenschaftler.


12:00 Abschlussdiskussion