MEDIEN UND THEORIE / FORUM / INTERDISZIPLINäRES SYMPOSION

Ephemer

Interdisziplinäres Symposion der Muthesius Kunsthochschule vom 5. – 8. Juli 2012 in der Kunsthalle zu Kiel.
Eine Veranstaltung des Forums / Instituts für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften, konzipiert von Petra Maria Meyer.

1838 fand Charles Dickens in seinem Roman „Life and Adventures of Nicholas Nickleby“ bezeichnende Worte für eine veränderte Wirklichkeitserfahrung, Zwölf Jahre nach der ersten Eisenbahnfahrt beschreibt er eine seltsame „Reihenfolge der Dinge, wie sie im beharrlichen Wechsel vor den Augen der Vorbeifahrenden auftauchten“. Nach ihrer Aufzählung resümiert er: „all das schwang sich durcheinander, häufte sich Seite an Seite und flog vorüber wie in einem wilden Tanz...“ Das Vorübergehende, Kurzfristige und Kurzlebige, das Ephemere wird Kennzeichen der Moderne, die Charles Baudelaire in seinem Essay „Le peintre de la vie moderne“ 1863 durch die Merkmale des Wandels, des Flüchtigen und des Zufälligen näher bestimmt: „La modernité, cést le transitoire, le fugitif, le contingent. la moitié de l´art, dont l´autre moité est l´ éternel et l´immuable.“ Insbesondere die Zeitkünste Tanz, Theater, Musik werden exemplarisch für eine „Moderne Kunst“, unter deren Dachbegriff sich auch die anderen Künste und die Architektur neu definieren. Wenn bereits Richard Buckminster Fuller „Beschleunigung, Dematerialisierung und Vernetzung“ im Ephemerisierungsbegriff verallgemeinert und Paul Virilio später die Postmoderne im Zeitalter der absoluten Geschwindigkeit verortet, steigert sich das Ephe-mere über das Transitorische hinaus hin zu einer „Virtualisierung“ der Umgebung des Menschen und seines Körpers. Eng verbunden mit medientechnischen Wandlungsprozessen wandelt sich auch das Ephemere, das von Baudelaire bis heute stets in Relation zu einem ebenfalls sich wandelnden Ewigen gesehen wird, das das Vergängliche kompensieren mag.
Die Forschung hat die Zentralstellung des Ephemeren keinesfalls übersehen. Zu Kennzeichen der Moderne und Postmoderne gibt es zahlreiche Untersuchungen. „Formen und Funktionen ephemerer Denkmäler“ (Diers) wurden bereits wegweisend reflektiert. Die Zeitkünste und das Performative wurden in den letzten Jahren als prototypisch für eine veränderte Grundlage von Kunst und Kultur interdisziplinär weitreichend erforscht und die enge Verbindung zwischen dem Ephemeren und Medienumbrüchen (Schnell/Stanitzek) war Gegenstand einer interdisziplinären Studie.  
Ohne historisch sich wandelnde Ausprägungen zu vernachlässigen, setzt die Zusammenkunft der Muthesius Kunsthochschule einen anderen Schwerpunkt und richtet den Fokus auf historisch übergreifende, grundlegende Aspekte des Ephemeren, die seit der frühgriechischen Kultur mit dem Begriff verbunden werden. Wenn Pindar in seinen „Pythischen Oden“ den Menschen als ein „Eintagswesen“ und „eines Schattens Traum“ bezeichnet, dann benennt der Begriff die Natur und Daseinsweise des Menschen selber. Die Sprache weiss, wovon sie spricht. Das zeigt sich auch im Kompositum des griechischen Wortes „εϕημεριος“, von dem das deutsche Adjektiv „ephemer“ abgeleitet wurde, das im 16. Jahrhundert vereinzelt, im 18. Jahrhundert gehäuft auftritt. Während das Präfix „epi“ die Bedeutungen „darauf, darüber, hinzu, gegen, nach, bei, an, während, bis zu“ umfasst, bedeutet „hemära“ nicht nur „Tag“, sondern auch „Zeit“ und „Leben“.
Philosophisch wird dadurch sowohl eine grundlegende Reflexion endlichen Daseins und damit verbundener Sorgen, Ängste und Kompensationen im Spannungsfeld von Vergänglichkeit und Ewigkeit in ewiger Vergänglichkeit impliziert, als auch eine Betrachtung der den Menschen formenden und umformenden Einflüsse nahegelegt, die wiederum den medientechnischen Wandel und die weitere Entwicklung der Großstädte aus verlagerter Perspektive zu bedenken geben. Auch aus kunst- und medientheoretischem Interesse soll die griechische Wortbedeutung richtungsweisend sein.„εϕημεριος“ hat drei Bedeutungen, durch die sich die kunsttheoretische Reichweite des Symposions markieren lässt:

1.) für den Tag, an dem Tag
2.) nur einen Tag lang dauernd, vergänglich.
3.) täglich; auch alltäglich

Wie viele Augenblicke hat ein Tag? Wie lassen sich Intensitäten dieser besonderen Momente erfahrbar machen und welche Fragen werfen sie auf? Dass sich bei diesen Fragen der Fokus auf die Kunst zu richten lohnt, hat bereits Theodor W. Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ angedeutet: „Jedes Kunstwerk ist ein Augenblick;“.
Das Symposion widmet sich sowohl der philosophischen Reflexion als auch dem Umgang der Künste mit dem Ephemeren. Im Lateinischen wurde das Wort „ephemerides“ vorrangig als Bezeichnung für Wirtschafts- oder Tagebücher gebraucht. Insofern zielt das Symposion insbesondere auch darauf, künstlerische und philosophische Ausrichtungen des Tagebuches zu reflektieren. Das Künstlerbuch als Tagebuch, die tägliche Zeichnung, bildkünstlerische Tagebuch-Installationen, akustische oder filmische Tagebücher wurden von Marcel Duchamp über Rosemarie Trockel bis zu Pia Dehm geschaffen und bilden markante Phänomene der Kunstgeschichte.  Aber auch Tagebücher von Philosophen wie George Berkeley, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling oder Jacques Derrida sind von Interesse.
Im angloamerikanischen Sprachraum bevorzugt man den Begriff „Ephemerides“ für ganz unterschiedliche, periodische Schriften. Nicht nur Zeitschriften, sondern Flyer oder Postkarten werden darunter gefasst. Die Postkarte, die philosophisch bedacht und als besonderes Medium – nach Derrida – gegen die Literatur ausgespielt wurde, gilt es besonders zu beachten. Als Trägermedium der bildenden Kunst begleitet sie von den Event-Karten der Fluxuskünstler bis zur Postcard Art von Gilbert & George die Ephemerisierung in den Künsten. Im deutschen Sprachraum werden mit „Ephemera“ auch Künstler-Multiples bezeichnet, die von Joseph Beuys bis James Lee Byars von einer gewünschten Verknüpfung von Kunst und Leben und einer besonderen Würdigung des Augenblicks zeugen.
Ausprägungen, die das Alltägliche in ihrer Besonderheit erfahrbar machen oder KünstlerInnen, die ephemere Materialien einsetzen, sind ebenso zu berücksichtigen wie Arbeiten im Filmbereich und in der Videokunst. Von Bill Viola über Robert Cahen bis Igor und Svetlana Kopystiansky fällt eine Häufung von Themen, Motiven und künstlerischen Praktiken auf, die mit dem Begriff des „Ephemeren“ gefasst werden können. Unverzichtbar sind bei diesem Symposionthema die transitorischen Künste – Aktionskunst, Performance, Musik, Theater, Tanz – , die in ihrer flüchtigen Ereignishaftigkeit und wechselnden Erfahrbakeit von Dauern zu bedenken sind. Ariane Mnouchkines Inszenierung „Les Éphémères“ dauerte sechs Stunden und 30 Minuten. Wie sich das Ewige im Flüchtigen diesseits der Idealisierung, nach einer modernen „Versenkung ins Gegenwärtige“ (Peter Bürger) und einem post-modernen Wirklichkeitsverlust (Jean Baudrillard), aktuell zeigt, bleibt an konkreten Beispielen zu erfragen. Diese können aus einem weiten Feld der Künste stammen. „Art éphémère“ reicht von Yves Klein über Jean Tinguely bis Christo. Insofern sollen auch Beispiele einer „ephemeren Architektur“ Berücksichtigung finden, die nicht nur von Richard Buckminster Fuller, sondern auch von Hermann Muthesius unterstützt wurde. Der damit verbundene erweiterte Architektur-Begriff umfasst Szenographien aller Art, vom Bühnenbild bis zur Ausstellungs- und Messearchitektur. Aber auch Stadtraumgestaltungen und Not- und Übergangsarchitekturen sollen die gleichsam notwendige Reflexion einer dauernd sich verändernden Großstadt-Umgebung ermöglichen, die den Menschen als „Eintagswesen“ informiert und formiert.
Zu diesem Zweck lädt das Forum der Muthesius-Kunsthochschule VertreterInnnen aus verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen dazu ein, Fragen des Ephemeren zu diskutieren und mit konkreten Beispielen zu versinnlichen. Eine verstärkte Durchdringung von  Kunst und Wissenschaft durch die Kombination von wissenschaftlichem Symposion und künstlerischem Begleitprogramm wird auch dieses Mal angestrebt.

PROGRAMM

Donnerstag, 5. Juli 2012

Mathias Spahlinger: 128 erfüllte augenblicke (1976)
Idee und Realisierung: Friedrich Wedell

15:00 Grußwort von Rainer W. Ernst,
Präsident der Muthesius Kunsthochschule

15:15 „Ephemer“
Einführung in die Thematik und Programmgestaltung des Symposions

Die Zusammenkunft der Muthesius Kunsthochschule richtet den Fokus auf historisch übergreifende, grundlegende Aspekte des Ephemeren, die seit der frühgriechischen Kultur mit dem Begriff verbunden werden. Wenn Pindar in seinen „Pythischen Oden“ den Menschen als ein „Eintagswesen“ und „Eines Schattens Traum“ bezeichnet, dann benennt der Begriff die Natur und Daseinsweise des Menschen selber. Das griechische Wort „εϕημεριος“, von dem das Adjektiv „ephemer“ abgeleitet wurde, impliziert drei Bedeutungen, durch die sich auch die kunsttheoretische Reichweite des Symposions markieren lässt:
1.) für den Tag, an dem Tag
2.) nur einen Tag lang dauernd, vergänglich
3.) täglich; auch alltäglich
Über das Wort „hemära“ impliziert der griechische Begriff auch „Zeit“ und „Leben“. Im Rahmen einführender Überlegungen widmet sich der Vortrag auch einem interdisziplinär vernachlässigten Anti-Theaterstück von Michel Seuphor, mit dem philosophisch weitreichenden Titel: „L’éphémère est éternel“.

Petra Maria Meyer, Philosophin sowie Theater- und Medienwissenschaftlerin, seit 2004 Professorin für Kultur- und Medienwissenschaften, von 2004–2008 Intendantin des „Center for Interdisciplinary Studies“ (Forum) der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Promotion 1992, Habilitation 2000. Forschungsschwerpunkte: Medien- und Kunstphilosophie, Intermedialität, Akustische Kunst und Szenographie. Buchpublikationen u.a.: „Intermedialität des Theaters“ 2001; (Hg.) „Performance im medialen Wandel“ 2006; (Hg.) „Acoustic Turn“ 2008; (Hg.) „Gegenbilder. Zu abweichenden Strategien der Kriegsdarstellung“ 2009.

16:00 Reisetagebücher

Zwischen Berlin und Hamburg, 23. Juni 2006
Ich sitze in der Bahn. Die Landschaft zieht vorbei: Feld – Drähte – Himmel – Feld – Mast –  Hügel – Dächer – Dächer – Drähte. Ich schreibe was ich sehe in ein Heft. Dabei sehe ich aus dem Fenster. Ich bewege mich sitzend in einem Raum durch ein großes Bild und mein Stift zittert und bebt mit der Bewegung des Raumes.

Flüchtige Bilder, ein bewegter Körper, der Sprache ausstößt, Laute und Zeichen, Spuren, die sich gegenseitig überschreiben und unlesbar werden. Mein Vortrag wird sich mit performativen Reisetagebüchern beschäftigen, mit verschiedenen Versuchen, flüchtig Erlebtes simultan in Sprache zu übersetzen, in der Bewegung, von Bild in Schrift, von Schrift in Laut, Laut in Schrift, von ihr zu dir, dir zu mir und mir zu ihr.

Annette Elisabeth Stahmer, Designerin und Künstlerin. Seit 2009 Professorin für Typografie und Gestaltung an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Mitbegründerin des Designbüros »fliegende Teilchen« in Berlin, in dem sie gemeinsam mit André Heers an Projekten, vorwiegend im kulturellen Bereich mit Schwerpunkt auf Künstlerpublikationen arbeitet. Ihre künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich vor allem mit der Beziehung von Stimme und Schrift, dem Akt des Schreibens, Schrift als Erinnerungsspur, Palimpsesten, der Sprache des Papiers und Synästhesie.  Ein Forschungsschwerpunkt liegt in interdisziplinären Projekten zum Thema Sprache und Kommunikation. Publikationen: (Hg.) »Parole #1: The Body of the Voice / Stimmkörper« 2009; »Parole #2: Phonetic Skin / Phonetische Haut« 2012.

17:30 Kaffeepause

18:00  Eintagsfliegen? Vom ephemeren Charakter des Ausstellens

L’éphémère, die Eintagsfliege – das französische Wort zeugt schon im Wortstamm von der kurzen Lebensdauer des Insekts. In der Geschichte der Kunst sind manche Kunstaktionen und Ausstellungen gerade durch ihre Flüchtigkeit, ihren ephemeren Charakter zu Impulsgebern und historischen Monumenten geworden. Welche kalkulierten und unkalkulierbaren Dynamiken sich zwischen Ereignis, Augenzeugenschaft und Legendenbildung dabei entspinnen können, wird Gegenstand des Vortrages sein.
 
Anette Hüsch, Kunsthistorikerin und Kuratorin, seit 2010 Direktorin der Kunsthalle zu Kiel. Promotion 2003. Auslandsaufenthalte am Getty Center for the Arts and the Humanities (Los Angeles/USA) und am Massachusetts Institute of Technology – MIT (Cambridge/USA). Sie hat zahlreiche Ausstellungen kuratiert, u.a.: Zeitblick. Ankäufe aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland" (Martin-Gropius-Bau, Berlin, 2008/2009); "Jeff Koons. Celebration" (Neue Nationalgalerie, Berlin, 2008/2009) oder als Co-Kuratorin: "Celebrities. Andy Warhol und die Stars" (Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, 2008/2009). Publikationen zur zeitgenössischen Kunst, u.a. zu Jörg Immendorff, 2005, und Jeff Koons 2010 sowie zu fototheoretischen und bildwissenschaftlichen Themen.

19:30 Ortswechsel und Umtrunk

20:30 „L’éphémère est éternel“
HörSchauspiel ohne Schauspieler und Poésie Plastique nach Michel Seuphor

Eine Produktion, die in Kooperation des Institutes für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften (Petra Maria Meyer) mit den Lehrbereichen Raumstrategien (Manfred Schulz) und Typografie und Gestaltung (Annette Stahmer) zusammen mit Studierenden der Muthesius Kunsthochschule erarbeitet wurde.
 
Der Künstler, Dichter, Kunsttheoretiker und -kritiker Michel Seuphor (1901–1999) verfasste sein Anti-Theaterstück 1926. Es wurde bislang überaus selten, aber in beachtenswerter Weise inszeniert. Sein Freund Piet Mondrian entwarf für das erst im Jahr 1968 in italienischer Sprache in Mailand uraufgeführte Stück drei heute verschollene Bühnenbilder. Das Stück, das im deutschen Sprachraum bislang nicht aufgeführt wurde, ist Ausgangspunkt für eine mehrsprachige audio-visuelle Collage, die als „Poésie Plastique“ im Sinne von Seuphor verstanden werden kann.

Ort: Lessingbad, Lessingplatz 1, 24116 Kiel.


Freitag, 6. Juli 2012

10:00 Passing Drama

„Zwischen 1922 und 1925 wurde aus verschiedenen Gebieten Kleinasiens die dort lebende griechische Minderheit deportiert und ausgesiedelt. Viele Kinder dieser Flüchtlinge kamen im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter aus den von Bulgaren besetzten Gebieten Nordgriechenlands nach Deutschland. Interviews mit Flüchtlingen aus der Umgebung Dramas sowie die Erzählung meines Vaters über seine Ankunft als Zwangsarbeiter in Wien, beschreiben eine Flüchtlingsgeschichte, deren Diagonale verschiedene Geschichtsschreibungen osteuropäischer Nationalstaaten kreuzt.“
Die Flucht als Motiv der Erzählung wird in dem experimentellen Video-essay „Passing Drama“ (1999) von Angela Melitopoulos zu einem filmischen Thema über die Fluchtlinie in der Erzählung selbst. Historie erscheint als Maschinerie, die zu Gunsten der Mehrheit Minderheiten verschlingt. „Das Vergessen von gestern hat sich längst mit dem Vergessen von vorgestern  und dem Vergessen von heute verwoben“.

Angela Melitopoulos, Videokünstlerin. Sie studierte Sinologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München sowie Freie Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Nam Jun Paik und lehrt an verschiedenen, internationalen, akademischen Institutionen. Mitgliedschaften in verschiedenen politischen Netzwerken in Paris, Italien, Türkei und Deutschland und Zusammenarbeiten mit Maurizio Lazzarato (Videophilosophie). Zahlreiche Ausstellungen, u.a. im Centre Georges Pompidou, Paris oder Whitney Museum, NY und Teilnahmen an internationalen Filmfestivals (auch biennale, Berlin).

11:30 Das Ephemere und die Undurchdringlichkeit des Endlichen

Das Phänomen des in der Endlichkeit sich Verströmens des Menschen (P. Szondi) wird – ausgehend von Pindar, R. M. Rilke, H. von Hofmannsthal und anderen – in zeitphilosophisch-psychologischer Hinsicht untersucht: im Hinblick auf die Undurchdringlichkeit des Endlichen und damit der Möglichkeit einer „Verwandlung von Zeit in Gegenwart“.

Hinderk M. Emrich, emeritierter Professor für Neurologie und Psychiatrie/Klinische Pharmakologie, Psychotherapeut, Psychoanalytiker; von 1992 bis 2008 Leiter der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Medizinische Promotion 1968, medizinische Habilitation 1972, philosophische Promotion 1999; Venia legendi für Philosophie in der Universität Hannover seit 2002. Forschungsschwerpunkte: Psychopharmakologie, Wahrnehmungspsychologie und Systemtheorie von Psychosen, Synästhesie. Zusätzliche wissenschaftliche Interessen: analytische Philosophie des Geistes, Psychoanalyse nach C. G. Jung, Medientheorie, Tiefenpsychologie des Films. Buchpublikationen u.a.: „Identität als Prozeß“ 2007; „Über die Verwandlung von Zeit in Gegenwart im Film“ 2010; (Hg. zusammen mit Michael Roes), „Engel und Avatar“ 2011.

13:00 Mittagspause

15:00 Passing by

Allegorien des Transitorischen spielen im Welttheater von Danica Dakić eine zentrale Rolle. Die Künstlerin wird anhand Ihrer Arbeiten im videografischen, filmischen und fotografischen Medium dazu anregen, über künstlerische Praxis in Formen des Performativen als Ephemeres nachzudenken.

Danica Dakić, Künstlerin. Professorin für Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien an der Bauhaus-Universität in Weimar. Sie studierte an Kunstakademien in Sarajevo, Belgrad und Düsseldorf. Ihre künstlerischen Arbeiten umfassen Video, Film, Fotografie sowie Projekte im öffentlichen Raum und wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt u.a.: Istanbul Biennale (2003 und 2009), documenta 12, Kassel (2007), Sydney Biennale (2010), Liverpool Biennale (2010) und Arsenale, Kiev (2012). Einzelausstellungen u.a.: in der Kunsthalle Düsseldorf (2009), Generali Foundation, Wien, (2010), im Museum für zeitgenössische Kunst, Zagreb (2010) und im Hammer Museum, Los Angeles (2011).

16:30 "One Night Stand"

"One Night Stand" war der Titel eines Ausstellungsprojektes der
Landesgalerie Linz. Im Kontext der europäischen Kulturhauptstadt "Linz
2009" wurden im Rahmen dieses Projektes an 21 aufeinanderfolgenden Tagen
insgesamt 21 Einzelausstellungen eröffnet. Der Vortrag beleuchtet die
kuratorische Konzeption des ephemeren Ausstellungsformates und vermittelt
gleichzeitig die künstlerischen Strategien der einzelnen Beiträge. Zudem
werden Hinweise auf ähnliche Projekte in den letzten Jahren gegeben und
diese auf ihre jeweilige Motivation zwischen Institutionskritik und
Eventisierung des Ausstellungsbetriebes überprüft.

Martin Hochleitner, Studium der Klassichen Archäologie und
Kunstgeschichte; Promotion 2002, 2000 bis 2012 Leiter der Landesgalerie Linz. Seit 2008 Universitätsprofessor für Kunstgeschichte an der Kunstuniversität Linz.
Designierter Direktor des Salzburg Museums (ab September 2012). Buchpublikationen u.a.: „Oberösterreich. Bildende Kunst 1945 bis 1955“ 1995; „Archetypen. Zum Verhältnis von Gegenwartskunst und Antike“ 2003; (Hg.) „Einführung in die Kunstgeschichte“ 2007.

18:00 Kaffeepause

18:30 Die Musik ist nur von transitorischem Eindrucke (Kant)
Zum Verhältnis von Wiederholung und Flüchtigkeit in
Mathias Spahlingers "éphémère" (1977)

Mathias Spahlingers Stück „éphémère“, das ganz entschieden  den Bezug zur gleichnamigen französischen Zeitschrift der 1970er Jahre und damit zum Dadaismus, Surrealismus und zum späteren „Fluxus“ aufnimmt, ist ein Versuch, mit den Mitteln einer persistenten Ordnungslogik das Flüchtige immer wieder frei zu setzen, ohne es einfach als unmittelbar und natürlich zu behaupten. Nicht zufällig schrieb Spahlinger 1997–1998 auch ein Orchesterstück nach Marcel Duchamp mit dem Titel „Akt, eine Treppe herabsteigend – für Bassklarinette, Posaune und Orchester“, wo diese Prinzipien der Assemblage, Objektkunst und Ephemerität zum Tragen kommen. Es ist die Aufgabe der Musik, dieser Flüchtigkeit unseres Daseins einen verlöschenden Ausdruck zu geben: dass wir nicht mehr sind als der Flügelschlag eines Schmetterlings oder eine Spur im Sand, die mit dem nächsten Windstoß so verschwindet, als sei nichts gewesen. Mein Vortrag sucht diese höchst flüchtigen Spuren in der Musik Spahlingers auf, auch in seinen „128 erfüllten augenblicken“. Er wird unterbrochen von zwei Exkursen, die einmal dem Ephemeren in den Vanitas-Bildern der frühen Neuzeit gelten (dort erscheint es als Eintagsfliege oder als Seifenblase), zum anderen dem gleichnamigen Theaterprojekt „Les Éphémères“, das Arianne Mnouchkine 2008 im Théâtre du soleil unter dem Eindruck traumatisierender und verlöschender Augenblicke inszenierte.

Martin Zenck, em. Professor an der Universität Würzburg im Institut für Musikforschung mit dem Schwerpunkt "Aesthetik, Medien, Neue Musik". Promotion 1975, Habilitation 1982. Forschungsschwerpunkte: "Aisthesis"  über Wahrnehmungs- und Erkenntnisleistungen der Künste, Französische Philosophie des 20. Jahrhunderts, Komponisten im Exil und Intermedialität von Bild und Musik. Buchpublikationen u.a.: (Hg. et al.) „Signatur und Phantastik in den Schönen Künsten und in den Kulturwissenschaften der frühen Neuzeit“ 2008; (Hg. Zusammen mit Markus Jüngling) „Erzeugen und Nachvollziehen von Sinn. Rationale, performative und mimetische Verstehensbegriffe in den Kulturwissenschaften“ 2008; ein Buch über Pierre Boulez auf der Grundlage der Sammlung "Pierre Boulez" in der Paul Sacher Stiftung Basel ist in Vorbereitung. Im Februar 2013 ist Martin Zenck zusammen mit Isabel Mundry Preisträger der Hans-Zender-Musikpreises und im Frühjahr Gastprofessor an der University of Chicago.

20:30 Konzert und Ausstellungseröffnung

Mathias Spahlinger: éphémère (1977)
RADAR ensemble
Jonathan Shapiro, Olaf Koep, David Cariano Timme (Perkussion)
Ninon Gloger (Klavier)
In Kooperation mit Chiffren als Logo.

Malerei von Benjamin Mastaglio

Momentaner Raum
Eine Kooperation zwischen den Lehrbereichen Industriedesign (Thomas Feichtner) und Raumstrategien (Christian Teckert) zusammen mit Studierenden der Muthesius Kunsthochschule.
Ort: Lessingbad, Lessingplatz 1, 24116 Kiel.

 
Samstag, 7. Juli 2012

10:00 Der Augenblick der Moderne.
Das klassische Denken konnte für Wissenschaft und Kunst transzendentale Signifikate zugrunde legen, zeitentbundene Begriffe, die ihrerseits den erfüllten Augenblick garantierten. Mit dem Übergang in die industrielle Moderne hat die Zeit die Logik selbst imprägniert und deren Schluss- oder Kreisstruktur zur Linearität ihrer Funktionen aufgebrochen. Baudelaires „andere Hälfte“ der Kunst, das Ewige, war schon so utopisch wie Adornos Nichtidentisches, der erfüllte Augenblick vielmehr Schopenhauers Nichts oder bloße Simulation. Und doch ist das Postulat des Unmöglichen für eine Kunst integral, die, so Feuerbach, „an Energie, Tiefe und Feuer alles bisherige übertreffen“ sollte. Wodurch? Vielleicht bezeichnet Benjamins Begriffspaar Spur und Aura einen Ort, den Augenblick der Moderne modern zu denken.
Claus-Artur Scheier, emeritierter Professor für Philosophie an der TU Braunschweig, medizinische Promotion 1968, philosophische Promotion 1972, Habilitation 1979. Seit 2001 Generalsekretär, seit 2011 Vizepräsident der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft (BWG). Forschungsschwerpunkte: klassische Philosophie, deutscher Idealismus, anti-metaphysisches Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, Philosophie der Kunst. Buchpublikationen u.a.: „Wittgensteins Kristall. Ein Satzkommentar zur ,Logisch-philosophischen Abhandlung‘“ 1991; „Ästhetik der Simulation. Formen des Produktionsdenkens im 19. Jahrhundert“ Hamburg 2000.

11:30 Ephemere Skulptur.

In ihrer strukturalen Analyse der „Skulptur im erweiterten Feld“ hat Rosalind Krauss die Modernität der Skulptur seit Rodin aus der Frontstellung gegenüber dem Denkmalbegriff des 19. Jahrhunderts vorgestellt. Unausgesprochen greift sie dabei auf Baudelaires Definitionen der modernité und des Ephemeren zurück. Auf der Basis dieser Überlegungen sollen die Prozesse der Dematerialisierung und Ephemerisierung von Skulptur in der Plastik seit den 1960er Jahren befragt werden.

Martina Dobbe, Professorin für Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Kunst ab 1800 an der Universität der Künste Berlin. Promotion 1997, Habilitation 2006. Arbeitsschwerpunkte: Kunst und Fotografie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart / Skulptur im erweiterten Feld / Ornament und Ornamentlosigkeit im System der Künste / Geschichte der Kunsttheorie als Medientheorie / Kunst und Wissen. Buchpublikationen u.a.: „Querelle de Anciens, des Modernes et des Postmodernes“ 2000; (Hg. zusammen mit Peter Gendolla) „Winter-Bilder: Zwischen Motiv und Medium. Festschrift für Gundolf Winter zum 60. Geburtstag“ 2003; „Fotografie als theoretisches Objekt: Bildwissenschaften – Medienästhetik – Kunstgeschichte“ 2007.

13:00 Mittagspause

15:00 Topographien des Flüchtigen –
Bewegung und Objekthaftigkeit im Tanz

Ausgehend von Mette Ingvartsens "Evaporated Landscapes" sollen in dem Vortrag Topoi aus der Debatte um das Ephemere im Tanz diskutiert werden: Flüchtigkeit, Ereignishaftigkeit und "Objekthaftigkeit" von Bewegung, Fragen von Aufzeichnung und Nachträglichkeit, Wahrnehmung und Kontingenz.

Gabriele Brandstetter, seit 2003 Universitäts-Professorin für Theater- und Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Promtion 1983, Habilitation 1993. Leibniz-Preis 2004. Forschungsschwerpunkte: Geschichte und Ästhetik des Tanzes vom 18. Jh. bis zur Gegenwart; Theater und Tanz der Moderne und der Avantgarde; Zeitgenössisches Theater, Tanz, Performance; Theatralität und Geschlechterdifferenz; Virtuosität in Kunst und Kultur; Körper – Bild – Bewegung. Buchpublikationen u.a.: „Tanz-Lektüren“ 1995; „Bild-Sprung. TanzTheaterBewegung im Wechsel der Medien“ 2005; (Hg. zusammen mit Mithrsg. H.-F. Bormann, A. Matzke) „Improvisieren. Paradoxien des Unvorhersehbaren. Kunst – Medien – Praxis“ 2010; (Hg. zusammen mit F. Hofmann, K. Maar) „Notationen und choreographisches Denken“ 2010; (Hg. zusammen mit Gerhard Neumann) „Genie – Virtuose – Dilettant. Konfigurationen romantischer Schöpfungsästhetik“ 2011.

16:30 Die Vergänglichkeit der Dauer – oder Dauer der Vergänglichkeit.

`Geschick` bei Bergson, Duchamp und Derrida
Gemeinhin setzt man Vergänglichkeit und Dauer in ein Gegensatzverhältnis, spätestens seit Bergsons Zeitphilosophie weiß man aber, daß etwas nur dauert, wenn es einem steten Werden oder Wandel unterliegt – oder mit Derrida umgekehrt ausgedrückt, dass es Ereignis nur gibt, wenn sich der Entzug jeder Berechenbarkeit wiederholt. Derrida hat dies am postalischen Prinzip der Postkarte ausgeführt, Künstler wie Duchamp haben es im Spannungsverhältnis von Ready-made und Reproduktion inszeniert.

Michael Wetzel, Professor für Literatur- und Filmwissenschaft an der Uni Bonn. Promotion 1980, Habilitation 1996. Übersetzer zahlreicher Werke von Jacques Derrida. Forschungsschwerpunkte: "Infra-Medialität" bei Bergson und Duchamp, Autor-Künstler-Begriffe und Kulturgeschichte des Glases. Buchpublikationen u.a.: „Die Enden des Buches oder die Wiederkehr der Schrift. Von den literarischen zu den technischen Medien“ 1991; „Die Wahrheit nach der Malerei. Literatur − Kunst − Medien“ 1997; „Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit“ 1999; „Derrida“ 2010.

18:00 Kaffeepause

18:30 „Sprechtexte“ und „Sprachinstallationen“.
Zur akustischen Realisation von Lyrik, am Beispiel von Nora Gomringer und Thomas Kling

Der Vortrag setzt sich mit Merkmalen mündlich performierter Literatur am Beispiel der beiden für ihre Vortragskunst und Bühnenpräsenz bekannten deutschsprachigen Gegenwartsdichter/innen auseinander. Dabei wird auf aktuelle Forschungsansätze zu Stimme und ‚Liveness‘ eingegangen, ebenso wie aufliteraturwissenschaftliche Forschungen zu Oralität und Skripturalität. Ferner geht es um die Möglichkeiten und kulturellen Implikationen der medialen Transformation und ‚Übersetzung‘ von ephemeren literarischen Live-Formaten (Dichterlesungen, Poetry Slams) in Audiofiles und Videoclips und deren Bereitstellung auf CDs oder im Internet.
 
Claudia Benthien, Professorin für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Gender-Forschung und Kulturtheorie an der Universität Hamburg. Promotion 1998. Habilitation 2004. Aktueller Forschungsschwerpunkt: Literarizität in der Medienkunst.  Buchpublikationen u.a.: „Haut. Literaturgeschichte – Körperbilder – Grenzdiskurse" 1999; „Barockes Schweigen. Rhetorik und Performativität des Sprachlosen im 17. Jahrhundert“ 2006; „Tribunal der Blicke. Kulturtheorien von Scham und Schuld und die Tragödie um 1800“ 2011.

20:00 Pause

20:30 »Nichts, das ist«
Metapoetische Intervention

Oswald Egger, Autor. Seit 2011 Professor für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule. Nach Abschluss eines Literatur- und Philosophiestudiums begründete er die Kulturtage Lana in Südtirol, die er von 1986–1995 leitete. Herausgeber der literarischen Zeitschrift „Der Prokurist“.
Für seine Poesie, poetische Grundlagenforschung und Hörspielarbeit erhielt er u.a. den Clemens-Brentano-Preis, H.C. Artmann-Preis, Oskar-Pastior-Preis und den Sczuka-Preis. Zuletzt erschienen: „Diskrete Stetigkeit. Poesie und Mathematik“ 2008; „Die ganze Zeit“ 2010.


Sonntag, 8. Juli 2012

10:00 Flüchtige Resonanzen

Der Vortrag diskutiert eigene Projekte künstlerischer Forschung im Hinblick auf Phänomene des Ephemeren und der Hyperlokalität. Durch mediale Interventionen werden Situationen geschaffen, die zu flüchtigen Resonanzen, Verschiebungen und Irritationen führen. Dabei kommt den jeweiligen Orten eine große Wichtigkeit zu, an denen die temporären Architekturen und Performances stattfinden oder auf die sie sich beziehen.

Daniel Fetzner, Medienkünstler und Architekt. Professor für Mediendesign an der Hochschule Furtwangen. 2007 Visiting Professor an der San Francisco State University und Gastkünstler am ZKM Karlsruhe. 2008 Gründung der künstlerischen Forschungsgruppe mbody. Von 2009–2011 Leiter des Media Design Department an der German University Cairo. Forschungsschwerpunkte: Phänomenologie der Medien in translokalen Räumen und Körperkonzepte. Buchpublikationen u.a.: (Hg.  zusammen mit Stefan Selke) „Selling Politics. Bildinhalte und Bildwirkung der agenda 2010-Kampagne“ 2005; (Hg. zusammen mit Stefan Selke) „Bild–Raum–Interaktion. Ergebnisse interdisziplinärer Zusammenarbeit“ 2007.

11:30 Im Augenblick. Zäsuren des Zeitlichen.

Kaum ein Rätsel ist uns so vertraut und so ungelöst wie das der Zeit, seit altersher. Wenn wir fragen, was ihr Wesen sei, entzieht sie sich. Ihr Bild oder Begriff ist wie eine Maske, die das, was sie verbirgt, dem neugierigen Blick vorenthält. Das Schema der linearen wie zyklischen Zeitlichkeit, oszillierend zwischen irreversiblem Zeitpfeil des Vergänglichen und reversiblem Kreislauf der ewigen Wiederkehr, bekommt jedoch Risse, wenn wir die Punktualität der Zeit-Ekstasen anders situieren - als unsichtbaren Einschnitt einer Wiederholung, die die Evidenz des Augen-Blicks dezentriert und mimetische Distanznahmen (z. B. in den performativen Künsten) eröffnet.

Georg Christoph Tholen, Ordinarius für Medienwissenschaft mit kulturphilosophischem Schwerpunkt an der Universität Basel, Promotion 1986, Habilitation 1995. Forschungsschwerpunkte: Grundlagen der Medientheorie, Zeit und Raum, Aisthesis und Medialität, Erinnern und Vergessen.
Buchpublikationen u. a.: „Die Zäsur der Medien. Kulturphilosophische Konturen“ 2002, (Hg. zusammen mit Sabine Flach) „Mimetische Differenzen. Der Spielraum der Medien zwischen Abbildung und Nachbildung“ Kassel 2002; (Hg. zusammen mit Sigrid Schade) „SchnittStellen. Basler Beiträge zur Medienwissenschaft, Bd.1“ 2005 und (Hg. zusammen mit Hans-Joachim Lenger) „Mnema. Derrida zum Andenken“ Bielefeld 2007.

13:00 Mittagspause

15:00 "Mich gibt es gar nicht"

In seinem Vortrag wird sich Schirner seinen Kunstprojekten widmen: Pictures in our Minds, eine Photoausstellung ohne Photos, und der Medienkunstintervention BYE BYE. Schirners künstlerische Arbeit kreist um jene Fragen, die für den heutigen Zugang zu Kunst zentral sind: Was bedeutet Autorenschaft? Wo liegt der Ort, an dem sich Kunst ereignet: im Künstler, im Werk, im Betrachter? Wie machen sich jene schwer fassbaren, losen Wahrnehmungsschwellen erkennbar, die Sichtbares von Unsichtbarem unterscheiden, Imaginiertes von Tatsachen? Was bedeutet heute ein Bild, was ist das Bild eines Bildes? In der im Jahr 2010 in den Hamburger Deichtorhallen und anderen Orten gezeigten Schau »BYE BYE« gibt Schirner einen deutlichen Hinweis an den Betrachter: »Meine Kunst ist nicht mein Werk, Sie sind der Schöpfer Ihres Bildes in Ihrem Kopf. Mich gibt es gar nicht.«

Michael Schirner ist Kreativdirektor, Künstler, Kurator, Autor und Professor für Kommunikationsdesign. Wie kein anderer setzte er sich für die Überwindung von Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst ein. Mit seiner Gleichsetzung von Werbung und Kunst und dem Prinzip der Reduktion von Bild und Text, der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, der Arbeit an der Selbstabschaffung des Künstlers als Autor, Experte und Fachmann hat Michael Schirner Werbung und Kunst gleichermaßen revolutioniert und radikalisiert. Er wird deshalb »Werbepapst« und »Beuys der Reklame« genannt. Schirner leitete die Werbeagentur GGK Düsseldorf und machte sich danach mit seiner Projektagentur selbständig. Mit Kampagnen für IBM, Pfanni, Creme 21, Jägermeister, Post, VW, Stern, taz, Die Grünen etc. schrieb er Werbegeschichte. Die Schirner Zang Institute of Art and Media GmbH Berlin berät unter anderem die Uni Kiel. Diverse Ausstellungen: u.a. präsentierte 2010 das Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg und die Galerie Crone in Berlin den Künstler und Designer mit seinen Arbeiten der Serie BYE BYE.

Ausklang und Abreise