Symposion des Forums für interdisziplinäre Studien an der Muthesius Kunsthochschule vom 12. – 14. Juni 2009 in der Kunsthalle zu Kiel
Die Moderne ist bestimmt durch die Hinwendung zur Bewegung. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verknüpft sich das Interesse an der Bewegung mit der Entwicklung der Medien.
Das erste Symposion zum Projekt gehen blühen fließen konfrontiert den wissenschaftlich-analytischen Blick auf die Naturprozesse mit Formen ästhetisch-philosophischer Anschauung.
Während auf der Forschungsstation Étienne-Jules Mareys in den 1880er Jahren Chronophotographien angefertigt wurden, um den exakten Verlauf von Bewegungen zu erfassen, sahen der Philosoph Henri Bergson wie der Künstler Auguste Rodin in den zum Teil überraschenden Fotos vom menschlichen Gang nicht eine exakte Aufzeichnung der Wirklichkeit, sondern ihre Entstellung. Sie verteidigten die unteilbare Bewegung des Lebendigen gegen die Reduktion, ja Verzerrung, positivistischer Analyse. Der analytische Blick auf die Bewegung steht hier einem Denken und Wahrnehmen aus der Bewegung gegenüber, das die Starre eines systematischen Denkens überwindet, um die Bewegung des Lebendigen denken zu können.
Die exakte Aufzeichnung von Naturprozessen und lebensweltlich orientierte Anschauung überschneiden sich jedoch häufig in den Formen ihrer medialen Inszenierungen. Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren fasziniert bei der Aufzeichnung geheimnisvoller Strömungen nicht weniger als bei Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenbewegungen, oder bei der visuellen Erfassung von Arbeitsabläufen. Der Effekt des medial vermittelten Blicks ist dabei oft größer als der praktische Nutzen, den die Bewegungsanalyse verspricht. Das ästhetische Potential des anderen Blicks wurde und wird von Künstlern genutzt. Die zeitgenössische Kunst benutzt dafür häufig Strategien der Verlangsamung. Sie spielt auch eine Rolle bei dem neuen Interesse am Gehen bei Künstlern wie Francis Alÿs, der sich aus der Bewegung dem Ungesehenen und Unbeachteten zuwendet. Neben dem Dérive der Situationisten gibt es Querverbindungen zu literarischen Traditionen, die unter anderem im Werk Peter Handkes lebendig sind, der die Geopoetik seines Schreibens aus dem Gehen heraus entwickelt.
Das Symposion 'Aus der Bewegung‘ versucht die Rückkoppelungen wie die Spannungen zwischen Bewegungsanalyse und der Wahrnehmung aus der Bewegung für das Projekt gehen blühen fließen produktiv zu machen.
Ines Lindner