14:00 Workshop-Präsentation
(Vortragssaal, Kunsthalle zu Kiel) mit den Künstlern Ulrike Mohr, Jorinde Voigt, Lasse-Marc Riek, der Kunst- und Medienwissenschaftlerin Verena Kuni und Studierenden der Muthesius Kunsthochschule.
17:00 Begrüßung und Einleitung
Ines Lindner, Intendantin des Forums für Interdisziplinäre Studien der Muthesius Kunsthochschule.
17:30 Zur Frage von Zeit, Bewegung und Bild in den Philosophien von Bergson, Deleuze und Lazzarato
In Abgrenzung von den positivistischen Wissenschaften seiner Zeit und im Sinne eines vitalistischen Denkens fordert Bergson die philosophische Entfaltung und den methodischen Einsatz eines Zeitverständnisses, das sich als qualitativ erfahrbare, nicht-teilbare Dauer und als deren sich je anders aktualisierende Bewegung erschließt.
Deleuze, der Bergsons Konzept der Dauer in Richtung zeitlicher Vervielfältigung dynamisiert und in den Begriff eines zu aktualisierenden Virtuellen überführt, orientiert sein gesamtes Denken an einer Vorstellung (lässt sein gesamtes Denken auf einer Vorstellung) von Seiendem als flüssigen und molekularen Werdensprozessen (aufruhen). In seinen filmphilosophischen Schriften betont er in diesem Sinn, dass es unbewegte Zeitschnitte, wie sie der aus Fotografien sich zusammensetzende analoge Film suggeriert, nicht gibt. Vielmehr gäbe es nur, wie bereits Bergson entdeckt habe, bewegliche Schnitte, mithin Aufnahmen, die die filmische Bewegung bereits virtuell in sich enthalten. Erst diese virtuelle Bewegung ermögliche deren Aktualisierung zum Durchschnittsbild, wie es sich aus der Projektion von 24 Bildern pro Sekunde ergibt. Medienphilosophen wie Maurizio Lazzarato schließen daran ihre Überlegungen zur Zeitmaterie des Videobildes und zu dessen neuer Ontologie der Dauer an.
Michaela Ott, Professorin für ästhetische Theorien an der HFBK Hamburg, Philosophin, Filmwissenschaftlerin.
18:15 Hin und Hergehen
Niemand bleibt wo er ist. Das Gehen hält das Denken in Bewegung. Einer Schule hat es den Namen gegeben: Im Auf und Abgehen machten sich die Peripatetiker ihre Gedanken. Weggehen und Ankommen. Dazwischen ist Zeit für den freien Lauf der Gedanken.
Hannes Böhringer, Professor für Philosophie und Ästhetik an der HBK Braunschweig. Seine bei Merve erschienenen Texte nehmen sich mit einem philosophisch geschulten Blick der Kunst und den Dingen des Alltags an.
10:00 Träumen und Gehen. Über Peter Handke.
Orte und Räumlichkeiten spielen in Peter Handkes Texten seit jeher eine
zentrale Rolle. Angetrieben von einer „Begeisterung für die Orte der
Erde“, bildet der Autor diese indes nie nur ab, sondern um. Das genuin
Dichterische zeigt sich darin, dass die zumeist realen Orte von ihm zu
höchst komplexen poetischen Räumen verfremdet werden, die angefüllt
sind mit rätselhaften Merkwürdigkeiten, mit Imaginiertem und
Erträumtem, mit Mythos und Phantasie. Dem Gehen kommt hierbei eine
besondere Bedeutung zu: es ist die Hauptbewegungsart auf dem Weg zur
poetischen „Neuen Welt“. Und es ist darüber hinaus für den
passionierten Fußgänger Handke alltäglicher, ästhetischer Daseins- und
Erkenntnismodus: „Merke es dir, endlich: das Gehen ist (d)eine
Erkenntnis.“ Anhand beispielhafter Geh-Situationen und Geh-Epiphanien
im Werk Handkes sollen die verschiedenen Facetten dieses ästhetischen
Modus in den Blick genommen werden.
Carsten Rohde, Literaturwissenschaftler. 2001 bis 2008
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literaturwissenschaft
der TU Berlin. Derzeit Habilitationsprojekt: Kontingenz der Herzen.
Figurationen der Liebe in der Literatur des 19. Jahrhunderts.
10:45 Kinematographisches Gehen.
Zur Entdeckung der „Körpertechniken" in Marcel Mauss' Anthropologie
Für Marcel Mauss, den Gründer der französischen Anthropologie, ist der
Gang nicht naturgegeben, sondern kulturell bestimmt. Der Vortrag
rekonstruiert die zentrale Funktion des Ganges und seiner foto- und
kinematographischen Reproduktion in der Herausbildung des in den 1930er
Jahren zuerst formulierten Begriffs der „techniques du corps“ – der
Körpertechniken.
Philippe Despoix, Professor für Literatur und Medien an der Université
de Montréal; zuletzt Direktor des Canadian Center for German and
European Studies; aktuelle Forschungen zum Verhältnis von Erinnerung
und Medien insbesondere Fotografie.
12:00 Bewegungsstudien im US-amerikanischen Efficiency Movement vor dem Ersten Weltkrieg
Bewegungsstudien wurden vor allen von Frederick Taylor und dem Ehepaar
Lilian und Fran Bunker Gilbreth unternommen. Insbesondere Gilbreth hat
mit Fotografie und Film gearbeitet und Fotografie und Kinematographie
umfassend eingesetzt. Er hat Ansätze geliefert, die später, z. B. im
Sport Routine wurden. Es geht hier um die Repräsentationsformen von
Bewegung und deren verschiedenartige Funktionen und Bedeutungen.
Herbert Mehrtens, Professor für Neuere Geschichte mit dem Spezialgebiet
Wissenschafts- und Technikgeschichte am Historischen Seminar der TU
Braunschweig. Er beschäftigt sich derzeit vor allem historisch und
theoretisch mit dem Mensch-Maschine- Verhältnis.
15:00 Im Bilde mitschwingen: Rhythmus und Reklamefilm in den 1920er Jahren
Schon seit Jahrzehnten betrachtet man den Rhythmus als formelle
Grundkategorie des frühen Experimentalfilms der 20er Jahre.
Gleichzeitig bildete er aber einen Hauptuntersuchungsgegenstand in den
modernen Wissenschaften von Körper und Psyche, von der Psychophysik bis
hin zur Reklamewissenschaft. Der Vortrag soll zeigen, wie das Interesse
an der Wirkung des visuellen Rhythmus als Anlass für die Zusammenarbeit
zwischen Filmkünstlern und Reklamefachleuten diente.
Michael Cowan, Professor für Germanistik an der McGill University in
Montreal. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Körper- und
Mediengeschichte der Moderne.
15:45 Fluidum. Ströme und Strahlen.
Franz Anton Mesmer war weder der erste noch der einzige, der die
Vorstellung eines feinstofflichen Fludiums vertrat, welches den gesamten
Kosmos und alle Körper durchströmt und Energien zu transportieren im
Stande ist. Neuerliche Konjunktur erfuhr sie im 19. Jahrhundert, als es
mit der Erfindung der Fotografie möglich schien, die unsichtbaren Ströme
und Strahlen ins Bild zu bannen.
Der Vortrag wird sich mit Imaginationen des Fluidums in Geschichte und
Gegenwart wissenschaftlicher und esoterischer, populärkultureller und
künstlerischer Bildproduktion beschäftigen.
Verena Kuni,
Kunst- u. Medienwissenschaftlerin, ist Professorin für Visuelle Kultur
am Institut für Kunstpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
www.kuniver.se
16:15 Zwischen Demokratie und Deregulierung:
Zur kollektiven Dynamik des Schwarms
Äußerste Dynamik und dabei zugleich eine erstaunlich hohe Kontrolle –
das ist es, was Naturwissenschaftler und Naturbetrachter an Vogel-,
Bienen- und Fischschwärmen fasziniert. Seit rund zehn Jahren hat der
Begriff des Schwarms als Organisationsmodell nicht nur in der Biologie,
sondern auch in den Kultur- und Sozialwissenschaften eine steigende
Konjunktur. Der Vortrag möchte einen Einblick geben, wie Schwärme in
ihrer Dynamik funktionieren, und zeigen, warum der Schwarm so konträren
Bewegungen wie linker Politik und effizienter Unternehmensorganisation
als positive Bezugsgröße dienen kann. Zugleich soll die Logik der
Übertragung vom Tierschwarm auf menschliche Kollektive befragt werden:
Was haben wir von diesem Kurzschluss des Biologischen und des
Sozialen/Politischen/Ökonomischen zu halten?
Kai van Eikels, Philosoph und Kulturwissenschaftler, arbeitet zur zeit
am Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ an der FU
Berlin.
17:30 Angehend aufgezeichnet.
Naturfundstücke und ihre Spuren in Anna Oppermanns Ensembles z.B. Lindenblütenblätter
Ein paar Lindenblütenblätter wehten von einem Baum gegenüber auf ihren
Arbeitstisch und kamen Anna Oppermann wie gerufen, um an und mit ihnen
eine vieljährige Studie über die Frage „Künstler sein Zeichnen nach
der Natur“ zu beginnen. In dem sakralsten ihrer Ensembles, das u. a.
1977 auf der documenta gezeigt wurde, sind neben den längst welken
Blütenblättern alle möglichen Arten ihrer Verzeichnung, Kommentierung
und Ergänzung durch weitere Objekte, Symbole und Zeichen zu finden. Das
Ensemble ist ein in den Raum und über drei Wände gewachsenes,
polyperspektivisches Panorama der unauflöslichen Spannung zwischen
Natur und Kunst, Abbild und Vorbild, Nachahmung und Schöpfung.
Ute Vorkoeper, lebt und arbeitet in Hamburg als Kuratorin und Autorin;
sie unterrichtet Kunsttheorie; Gastprofessorin an der Kunsthochschule
Berlin Weißensee (4/2007-3/2009), Kuratorin der "Akademie einer
anderen Stadt" im Rahmen des „Elbinselsommers 2009“ der Internationalen
Bauausstellung Hamburg. www.deponat.de.
18:15 Die Kunst des Gehens – die Kunst des Aufzählens.
Methoden künstlerischer Wissenschaft bei Francis Alÿs und Vorläufern
Ich gehe aus von Lucius Burckhardts Begriff der
Spaziergangswissenschaft und Michel Certeaus Kunst des Handelns,
behandle relativ ausführlich Balzacs Theorie des Gehens, rufe den
selten gelesenen Ludwig Hohl und seine Spaziergänge im Paris der 1920er
Jahre in Erinnerung, um mich dann der zeitgenössischen Bildenden Kunst
zu widmen. Im Mittelpunkt steht Francis Alÿs, gestreift von Bruce
Nauman und Franz Ackermann.
Annelie Lütgens, Kunsthistorikerin und Kuratorin am Kunstmuseum Wolfsburg.
10:00 Das Geheimleben der Pflanzen
Die Vorstellung vom Pflanzenleben wandelte sich am Ende des 19.
Jahrhunderts. Sie änderte sich von einem aristotelischem Verständnis,
welches eine klare Trennung von Pflanze und Tier vorsah, zu einem
darwinistisch geprägten Verständnis, in dem sich die Unterscheidung von
Pflanze und Tier deutlich abschwächte. Wohl kein anderes visuelles
Medium hat diese veränderte Vorstellung stärker unterstützt als der
Zeitrafferfilm. Seine Fähigkeit, Pflanzenbewegungen zu versinnlichen,
machten diese Bewegungsbilder dann auch zu einem Schlüsselobjekt für
diverse avant-garde-Bewegungen: von den Surrealisten bis zu dem
psychobotanischen Dokumentarfilm „The Secret Life of Plants“ (1978).
Oliver Gaycken, Professor an der Temple University Philadelphia,
forscht zur Zeit über den frühen wissenschaftlichen Film am
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.
10:45 Fluides und Fludium – Fließbilder als Verlangsamung von Bewegung.
Marey, Bergson und die Fludialfotografie
Bergson vermerkt zur Hypnose, dass das Verfahren der Suggestion im
„graduellen Übergang vom Verworrenen zum Bestimmten“ liegt. Diese
Bemerkung lässt mit Blick auf die Bewegung und das Fließen eher von
Verlangsamung als von Beschleunigung schließen. Ist das Interesse für
die Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts von der Beschleunigung oder
der Verlangsamung bestimmt? Die Moderne hat sich auf Marey als
Fotografen der Bewegung berufen, ebenso wie Bergson in seiner
philosophischen Theorie der Dauer Bezug auf die Chronophotographie
Marey’s nahm. Beide nahmen an spiritistischen Sitzungen teil. Marey
stellte in seinen Weltausstellungstafeln die Bewegung von Luft, Wasser
und Rauch vor – unterschiedliche Fluids - und wollte diese Methode auch
auf die Aufzeichnung die Bewegung des Geistes übertragen. Die
Fluidalfotografie, mit der man Belege für ein universales Fludium, eine
magnetische Kraft gefunden zu haben glaubte, wurde als
Gedankenfotografie verwandt.
Angela Lammert ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie arbeitet an der
Akademie der Künste Berlin. Mareys Fotos waren in der von ihr gemeinsam
mit Hubertus von Amelunxen und Hans Appelt kuratierten Ausstellung
'Notationen' (Akademie der Künste Berlin 2008, ZKM Karlsruhe 2009) zu
sehen.
12:00 Abschlussrunde mit Ole Frahm, Dozent für Sprache und Kommunikation an der Muthesius Kunsthochschule.